Wohin mit alten Outdoorkleidern?

Was passiert, wenn die Kleider ausgedient haben? Das Zauberwort heisst Recycling: Wie beim Kreislauf von Werden und Vergehen in der Natur soll es Ressourcen und Umwelt schonen. Eine wunderbare Vision, aber wie sieht derzeit die Praxis aus?

Gaby Funk

Die Natur macht es vor: Jedes Lebewesen und alles, was es von sich gibt, wird an seinem Ende wieder in die Stoff- und Energiekreisläufe des Ökosystems eingegliedert. Nur die technischen Produkte des Menschen durchbrechen diesen Zirkel. Die Abfallberge werden immer höher, die Ressourcen knapper. Viele Rohstoffe wie Schwermetalle oder Erdöl sind zudem «nicht nachwachsende», also endliche Ressourcen, die teuer gefördert und aufbereitet werden müssen. Auch sauberes Wasser und fruchtbarer Boden werden durch die ständig wachsende Erdbevölkerung zur kostbaren Mangelware. Ohne Rohstoffe, Wasser und Energie gibt es aber keine Produktion. Kunstfasern wie Polyester und Polyamid (Nylon usw.), die zu 99 Prozent aus dem «nicht nachwachsenden Rohstoff» Erdöl hergestellt werden und bei Produktion und Recycling Schwermetalle benötigen, die wiederum auch nicht erneuerbar sind, stehen deshalb schon länger im Fokus der Industrie und Forschung.

Geboren aus Altmaterial

In den 1980er-Jahren brachte Patagonia die ersten Fleecepullis aus recycelten PET-Flaschen auf den Markt. Inzwischen haben einige Hersteller Produkte aus recyceltem Polyester oder Polyamid im Programm, neben Patagonia zum Beispiel Haglöfs, Klättermusen, Bergans, Houdini. Auf dem Etikett oder an der detaillierten Beschreibung eines Produkts im Internet – wie dem Eco-Index eines Produkts, wie es beispielsweise Klättermusen vorbildlich macht – kann man meist erkennen, wie hoch jeweils der Anteil an Recyclingmaterialien dabei ist und aus welchen Komponenten das Gewebe besteht. Manchmal besteht auch nur der dünne Aussenstoff eines Schlafsacks aus recyceltem Polyester, also ein sehr geringer Anteil davon … Fjällräven stellt seit einigen Jahren Jacken aus einem recycelten Polyesterstoff namens Eco-Shell her. Odlos Funktionsunterwäsche Evolution Greentec besteht zu 100 Prozent aus recycelten Spinnabfällen und könnte komplett wieder recycelt werden, falls sie nach dem Gebrauch den Weg in eine Recyclinganlage finden sollte. Vaudes «Green Shape»-Kollektion wird Jahr für Jahr grösser; sie vereint mehrere Ökokriterien unter dem markeneigenen Ökolabel, das auch einen hohen Anteil an recyceltem Polyester enthält. Haglöfs will diesbezüglich richtig Gas geben und strebt bis 2015 einen Recyclinganteil bei Bekleidung, Schuhen und Rucksäcken von 40 bis 50 Prozent an. Laut Herbert Horelt, Geschäftsführer von Haglöfs Deutschland, sei das Recyclingmaterial inzwischen genauso funktionell wie Neupolyester – dabei spare man bei der Produktion bis zu 90 Prozent Wasser und Energie. Ferner habe man so eine viel geringere CO2-Emission. Nicht nur Gewebe entstehen aus recycelten PET-Flaschen, auch der recycelte Dämmstoff Primaloft Eco lässt sich daraus herstellen. Wie das normale Primaloft dient auch Primaloft Eco – bei Salewa unter dem Namen Ecoloft – als leichtes, gut isolierendes Bauschmaterial für die Füllung von Schlafsäcken, Outdoorwesten und -jacken. Dadurch werden über 50 Tonnen neues Polyestergranulat jährlich eingespart.

Die Füllung muss nicht aus Altkleidern oder Flaschen bestehen; jeder sortenrein gesammelte Kunststoff kann durch Recycling wieder zum Rohstoff werden. So wurde die relativ kleine schwedische Firma Klättermusen international bekannt dadurch, dass sie für ihre funktionelle Outdoorbekleidung recyceltes Polypropylen aus Teppichresten verwendet oder ein robustes Polyamid aus recycelten, ausgedienten Fischernetzen für Rucksäcke. Rund 150 000 Tonnen solcher Netze sollen noch als tödliche Fallen für grosse Fische und Meeressäugetiere in den Ozeanen treiben. Die japanischen Fischer bekommen Geld, wenn sie alte Netze an den Recyclingbetrieb weiterverkaufen. Es lohnt sich sogar für sie, im Ozean treibende alte Netze aus dem Wasser zu fischen. Auch Patagonia nutzt inzwischen das aus alten Netzen oder Spinnabfällen recycelte Polyamid.

Ein langes, erfülltes Leben?

Zwischen dem Kauf und der Entsorgung hat der Kunde die ökologische Verantwortung für seine Bekleidung. Mit dem Kauf eines hochwertigen, etwas teureren und robusten Produkts hat er bei sorgfältigem Umgang und richtiger Pflege die besten Voraussetzungen für eine lange Lebensdauer. Hinzu kommt, dass gute Markenhersteller oft einen Reparaturservice haben. Noch einfacher ist es bei Transa, wo es sogar eine eigene Reparaturabteilung gibt, selbst für nicht dort gekaufte Kleider, Schuhe oder Rucksäcke. Egon Baer heisst der Transa- Spezialist, der seit fünf Jahren die anfallenden Garantie-, aber auch alle kostenpflichtigen Nichtgarantiefälle repariert und zudem noch den kompletten Reparaturservice in der Schweiz für einige Markenhersteller übernommen hat, wie den schwedischen Zeltexperten Hilleberg. Im Jahr bearbeite er durchschnittlich über 1500 Produkte aller Art – allein.

Wenn Reparaturen nicht mehr sinnvoll sind, geht es weiter: Die schlechteste Lösung ist sicher der Abfall. Denn auch die Deponien stossen an ihre Grenzen. Immerhin kommt Abfall heute nicht mehr nur auf Deponien, sondern auch vorsortiert auf den Entsorgungshof. Nicht mehr Verwertbares wird zumindest noch «thermisch genutzt»: im Kehrichtheizkraftwerk. Das ist übrigens ökologisch weniger bedenklich, als das Vorurteil glauben lässt: Im Zürcher Kehrichtheizkraftwerk werden laut Mediensprecherin Leta Filli jährlich über 240 000 Tonnen Abfall im Jahr bei über 900 Grad Celsius verbrannt. Die bei der Verbrennung von Textil- und Kunststoffabfällen entstehenden Giftstoffe (z.B. Dioxine aus Gore-Tex, Blausäure aus Wolle) würden dabei mehrfach gefiltert, sodass am Schluss nur Wasserdampf und warme Luft aus den Schloten entweiche. «Die Rückstände werden nach Metall untersucht, der unverbrennbare Rest, eine Art Schlacke, wandert auf die Deponie. » So reduziert das Verbrennen immerhin die Abfallberge und liefert Energie, die entweder die Zürcher Wohnheime und Schulen beheizt oder die in Elektrizität verwandelt wird. Dennoch ist es ökologisch natürlich immer nur zweite Wahl.

Wenn das gute Stück noch einigermassen tragbar ist, aber nicht mehr passt oder taugt, weil es zu eng geworden ist, findet sich vielleicht im Bekanntenkreis oder per Internet noch ein Interessent, dem man es für einige Franken oder gratis überlassen kann. Wer sich die Suche nicht antun will, kann halbwegs intakte Kleidung in einer Kleiderkammer abgeben; das Rote Kreuz oder ähnliche karitative Einrichtungen geben sie an Bedürftige weiter oder verkaufen sie an spezielle Organisationen, die sich um die weitere, gewinnbringende Nutzung kümmern. Der Erlös kommt dann karitativen Projekten zugute. Wirft man sie dagegen in irgendeinen Altkleidercontainer, überlässt man sie dort oft einem ungewissen Schicksal, abhängig vom Aufsteller des Containers. Der Verkauf von Altkleidersammlungen ist schon lange ein Milliardengeschäft, an dem sich viele unseriöse Sammler beteiligen. Hier hilft nur der genaue Blick auf die Containerbeschriftung oder auf die der Sammellastwagen.

Vertrauensvolle Weiterverwerter

Als grösste Alttextil-Sammelorganisation der Schweiz bringt es Texaid zusammen mit der Tochtergesellschaft Contex laut Firmenangaben auf die stattliche Menge von über 35 000 Tonnen Alttextilien pro Jahr. Das entspricht etwa 160 Millionen Kleidungsstücken. Was geschieht damit? Texaid arbeitet eng mit sechs namhaften Schweizer Hilfswerken zusammen – darunter Caritas, Rotes Kreuz und Winterhilfe –, die zur Hälfte am Unternehmen beteiligt sind. Aus den Containern werden die brauchbaren Kleidungsstücke ins Sortierwerk gebracht, aus dem unbrauchbaren Rest entstehen Putzlappen. Die gesammelten Textilien werden in einer Sortieranlage nach Zustand, Material und Verwendungsmöglichkeit sortiert und entweder gratis an die Kleiderkammern und Katastrophenlager der angeschlossenen humanitären Hilfswerke abgegeben oder gewinnbringend ins Ausland verkauft. Der Grossteil dieses Erlöses fliesst laut Texaid wieder in Sozialprojekte. 2013 wickelte Texaid so ein Rekordergebnis von 35 000 Tonnen Altkleidern ab und konnte über sechs Millionen Franken an die Hilfswerke ausschütten.

Zauberwort Sortenreinheit

Will man seiner Jacke oder Hose aber zu einer Wiederauferstehung verhelfen und dazu beitragen, dass die rund 36 Millionen Tonnen Polyester, die jährlich gebraucht werden, nicht aus wertvollem Öl erzeugt werden müssen, muss man für sie einen Weg ins Recycling finden. Das Zauberwort dazu heisst: Sortenreinheit. Die ist jedoch höchst selten. Denn bestehen Gewebe, Knöpfe und Reissverschlüsse aus unterschiedlichen Kunststoffen und Materialien, ist oft nur noch «Downcycling» möglich: Dann werden Dämmstoffe für die Bauindustrie daraus, Polsterstoffe oder Füllmaterial. Dies ist das Los der meisten recyclingfähigen Teile. Wertvoller aber wäre das «Upcycling », ein Wiederverwertungsprozess, der aus einem Produkt eine gleich- oder höher wertige Ware hervorbringt. Dazu müsste das Produkt von Anfang an entsprechend konstruiert und zumindest nach der Zerlegung in seine Einzelbestandteile zum Grossteil sortenrein sein.

Belohnung für Kunden

Ein geschlossener Recyclingkreislauf wäre auch das ideale Zukunftsmodell für Aiko Bode, den Nachhaltigkeitsspezialisten der skandinavischen Fenix-Gruppe, zu der Marken gehören wie Fjällräven, Primus, Garmin oder der deutsche Schuhproduzent Hanwag. Vorerst sei noch immer Langlebigkeit das wichtigste Kriterium für den ökobewussten Konsumenten. Doch Bodes Traum heisst: «Entweder voll biologisch kompostierbar oder zu 100 Prozent wiederverwendbar. » Bis daraus Realität wird, empfiehlt er unter anderem die Container der Firma I:Co(llect), für die sich vor Jahren auch Adrian Huber bewusst entschieden hat, der Nachhaltigkeitsexperte von Mammut. Der Schweizer Bergsportausrüster arbeitet wie andere (Transa, Adidas, Adler, C&A, Puma) mit diesem Unternehmen zusammen, dessen Ziel es ist, bis 2020 sämtliche Kleidungsstücke zu recyceln, die über Sammelboxen in den Stores seiner Kooperationspartner abgegeben werden. Um die Konsumenten zum Mitmachen zu motivieren, bekommen sie einen Gutschein nach Gewicht der abgegebenen Waren, egal von welchem Hersteller. Es gibt auch andere Anreize: Klättermusen hat für jede seiner Produktkategorien einen Rückgabebonus für die Kunden. Wer ein Kleidungsstück zurückschickt, bekommt eine Gutschrift, deren Höhe jeweils im Produktetikett ausgewiesen ist. So will Klättermusen die zurückgesandten Teile sammeln, bis es reicht für einen schadstoffarmen Transport in grossen Containern zum Recyclingunternehmen.

Meist entstehen bisher beim Recycling also mangels Sortenreinheit nur geringer wertige Produkte. Für ein hochwertiges «Upcycling» appelliert auch I:Co an die Konsumenten: «Je grösser die Nachfrage nach Waren aus Recyclingmaterial, desto schneller werden sich diese im Handel etablieren. » Ein erstes Kreislaufprojekt existiert mit Puma: Die Firma produziert sortenreine Fussballtrikots aus Recyclingpolyester und will sie gemeinsam mit I:Co wieder vollwertig recyceln.

Gefragt sind also Hersteller wie Kunden: möglichst sortenreine oder zumindest gut trennbare, langlebige Produkte herzustellen und nachzufragen. Vielleicht setzt sich irgendwann auch die konsumentenfreundliche Idee von Haglöfs-Chef Herbert Horelt irgendwann durch, Outdoorausrüstung europaweit einheitlich mit einem «Nachhaltigkeitsausweis » auszuzeichnen, ähnlich wie der Energieausweis von Kühlschränken. Dann muss man nur danach einkaufen.

Mehr zum Thema

www.transa.ch/nachhaltigkeit/produktverantwortung/repair.html