Überleben zwischen steilen Felsen

Senkrechte Felswände, ein reissender Bach, hausgrosse Felsblöcke: Wer im Val Bavona zuhinterst im Maggiatal TI überleben will, braucht einen starken Willen. Den hatte Gori. Trotzdem verliess der junge Mann das Tal vor 100 Jahren – um später wieder zurückzukehren. Eine Wanderung auf den Spuren eines Rastlosen.

Elsbeth Flüeler, Susanne Keller

Roseto, die Terra, wo Gori und seine Familie den Sommer verbrachten, ist als Kreuz angelegt.

Maddalena war auf die Alp gestiegen, den langen, steilen Weg nach Solögna. Insgeheim hoffend, ihren Gori davon abzubringen auszuwandern. Wie sie für einen kurzen Moment alleine sind, streckt sie die Hand nach Gori aus, streicht ihm über die Haare ... «... ich verfluche noch heute das Bähnchen, das mich forttrug. Wenn ich noch einmal zurückkönnte – ich schwöre dir, ich würde mich auf meinen Koffer setzen und mich nicht von der Stelle rühren ...» So beginnt Plinio Martini (1923–1979) seinen Roman «Il fondo del sacco», der das Leben im Bavonatal Anfang des 20. Jahrhunderts beschreibt und das Leben von Gori, den weder seine Liebe noch die eigenen Zweifel davon abhalten konnten, in den Zug zu steigen und aufs Schiff nach Amerika.

Des Schicksals Knecht

Die Alpe di Solögna überrascht mit ersten 300 ruppigen Metern. Sie führen durch den steilen Kessel des Corte Mött auf einen Felssporn, von wo man den Eindruck hat, die Alp schmiege sich sanft an die senkrechten Flanken des gleichnamigen Gipfels.

Hier also hätte Gori das Blatt noch wenden können. Das hofft auch die Leserin von «Il fondo del sacco», die sich auf den Weg zu den Schauplätzen des Romans macht. Aber sie weiss, dass Gori sein Schicksal längst aus der Hand gegeben hat und dass es ihn dazu bringt, dem Bavonatal zu entfliehen, wo es schwierig war «... einen Centesimo in der Tasche zu haben, zu dem man sagen konnte: ‹Du gehörst mir, mit dir tu ich, was ich will ...›», wo die Leute öfter durch einen Unglücksfall starben, als auf natürliche Weise; wo das Essen aus Polenta und Milch bestand, aus Kartoffeln, Käse und Focaccia und bereits Roggenbrot die Ausnahme war, wo man Fleisch nur zu Weihnachten auf dem Teller sah oder im Sommer, wenn eine Kuh zu Tode stürzte, und wo Don Giuseppe Fiscalini, der Pfarrer, den Himmel gegen ein armes, aber frommes Leben versprach.

«Die Welt war nicht so schlecht, wie Plinio Martini sie in ‹Il fondo del sacco› beschreibt », widerspricht Bruno Donati. Der 75-jährige Geograf und langjährige Kurator des Museo di Valmaggia ist eine Generation jünger und hat während eines halben Jahrhunderts im Maggia-, Bavona- und Lavizzaratal geforscht. Es stimme, räumt er ein: «Die Leute waren arm. Aber es wurde doch auch gelacht, erzählt und gesungen. Man traf sich, lebte in einer funktionierenden Gemeinschaft. Es gab viel Solidarität.» Für Plinio Martini, meint Bruno Donati, sei die Welt im Bavonatal zu eng gewesen. «Statt Primarlehrer in Cavergno zu werden, hätte er studieren und an die Universität gehen sollen.»

Die Corte Grande im Aufstieg zum Rifugio Piano delle Creste: eine kurze Pause wert.

Steine regieren die Welt

Auf der Fahrt nach San Carlo, zum Ausgangspunkt dieser Wanderung im Bavonatal, bot sich die Gelegenheit, dieses vom Gletscher geformte Trogtal flüchtig zu erkunden: Es beginnt bei Cavergno, zuhinterst im Maggiatal auf 459 Metern ü. M., und endet auf 3272 Metern ü. M., am Gipfel des Basòdino. Der Talboden zwischen den fast senkrecht abfallenden Felswänden ist mit haushohen Blöcken übersät. Doch da und dort hat der Fiume Bavona über die Jahrhunderte mit seinem Geschiebe etwas flachen Boden geschaffen.

Da stehen die zwölf Terre. So nennen die Leute ihre Weiler. Terre eben, wo es Boden gibt, gerade genug, um etwas Gemüse, Getreide oder Kartoffeln anzubauen. Bruno Donati kann die Kargheit des Tals mit Zahlen belegen: 1,5 Prozent der Fläche machen Gärten und Äcker aus. 13 Prozent bestehen aus Wald, 15 Prozent aus Weide. Der Rest, 70 Prozent, aus Eis, Fels und Geröll.

 

Lichter, goldener Lärchenwald stockt auf den Weiden von früher.

Roseto – die Terra, wo Gori lebte – ist als Kreuz angelegt. Die Häuser sind aus Stein, dicht aneinandergebaut. Ab März, spätestens April, nachdem die Leute die winterlichen Monate zuvor in Cavergno verbracht hatten, zog hier Leben ein. Die Familien bestellten die Felder, pflegten die Gärten und weideten die Tiere. Viele Häuser haben im ersten Stock eine der Sonne zugewandte Loggia, wo man die Ernte, Getreide und Früchte, trocknen konnte, um sie dann gegen den Winter hin auf schmalen Wegen nach Cavergno zu tragen. Auch Heu brauchte es im Winter. Man sammelte es nach der Schneeschmelze, sobald man mit den Tieren auf die Alp gezogen war, wohin kunstvoll in die fast senkrechten Felsen gebaute Wege führten.

Auch für diese spezielle Topografie des Val Bavona kennt Bruno Donati Zahlen: 9 Prozent der Fläche des Bavonatals machen die steilen Felswände zwischen 950 und 1400 Metern ü.M. aus; auf mehr als 80 Prozent der Fläche befinden sich die Alpen. Das bekommt auch die Wanderin zu spüren. Der Aufstieg auf die Alpe d’Antabia war steil, und der Abstieg von der Alpe di Solögna hinunter ins Tal nach Roseto wird in die Knochen gehen. Oben auf der Alp jedoch überraschen Alpsiedlungen. Corte heissen sie, wie die Corte Grande auf der Alpe d’Antabia. Es sind Gruppen von einfachen Steinhütten mit nichts als vier Mauern und einem Dach, wo die Hirten Butter und Käse fabrizierten, und mit ein paar Weiden rundherum, wo die Tiere weideten. Im Bavonatal nehmen sich die Corte wie Inseln im Wald, zwischen dem Geröll oder den Felsen aus. Wenn die Kühe und Ziegen nichts mehr zu fressen hatten, dann zogen die Hirten mit den Tieren zur nächsten, höher gelegenen Corte. Im Val d’Antabia ist dies der Weiler Pianascióm, dessen Hütten zum Rifugio umgebaut sind. Auf der Alpe di Solögna befindet sich Sedone, wo Maddalena ihren Gori besuchte.

Das Wasser ändert das Leben

Als 1970 «Il fondo del sacco» erschien, war das Bavonatal ein anderes als jenes, das Gori verlassen hatte. 25 Jahre lang hatten die OFIMA, die Officine Idroelettriche della Maggia SA, Elektrizitätswerke gebaut. Sie hatten die Maggia, deren Einzugsgebiet einen Viertel der Fläche des Tessins ausmacht, an ihrer Quelle am Basòdino gefasst, um ihr Wasser in Stollen nach Cavergno und von da weiter ins Centovalli und zum Langensee zu leiten. Tausend Leute und mehr hatten während dieser Zeit im Maggiatal Arbeit gefunden. Die Wasserkraft hatte dem Tal wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Doch als die Baustellen schlossen, verliessen die Arbeiter das Tal. «Und mit ihnen war auch das Wasser fort. Plötzlich war der Fluss still», sagt Bruno Donati. «Das Wasser aus dem Maggiatal mündet heute bei Brissago in den Langensee.» Der Gewinn aus der Wasserkraft, fügt er an, fliesse längst zur Mehrheit in die Städte und die Kantone der Deutschschweiz: «Plinio Martini hat diese Entwicklung erkannt.»

In seinem Roman kehrt Gori nach 20 Jahren Amerika ins Bavonatal nach Cavergno zurück, ins Tal seiner Jugend, seiner Adoleszenz und zur Erinnerung an Maddalena, die aber längst gestorben ist – und findet sich nicht mehr zurecht. In langen Diskussionen jedoch versöhnt er sich mit der Gegenwart und auch mit dem Leben damals, mit seiner Kargheit, mit Don Giuseppe, der Kirche und seiner strengen Moral. Halbwegs, zumindest.

Die Schwemmebene unterhalb des Rifugio Piano delle Creste: ein zauberhafter Ort.

Stiftung gegen das Vergessen

Auch oben auf den Alpen, auf Solögna und im Val d’Antabia, hat sich das Leben verändert. Noch vor 100 Jahren waren sie mit Dutzenden von Kühen und um je 200 Ziegen bestossen. Es wurde Käse und Butter fabriziert. Seit den 1960er-Jahren weiden hier keine Tiere mehr. Doch die Hütte auf dem Corte Sedone ist sorgfältig zurechtgemacht. Sie gehöre Leuten aus dem Tal, weiss Bruno Donati, Schreinern, Maurern, die noch wissen, wie man Stein und Holz traditionell verarbeitetet, und die hier das Handwerk aus Goris Zeiten pflegen.

Hat der Groll Martinis doch etwas bewirkt? «Martini», sagt Bruno Donati, «hat zeitlebens gegen die kleine, enge Welt des Bavonatals rebelliert. Er hat sie verflucht. Aber er hat auch für sein Tal und die Leute gekämpft.» Es scheint, als ob er mit seinen Büchern zumindest die Erinnerung an eine vergangene Kultur und Tradition erhalten konnte. Mit der Fondazione Val Bavona wurde 1990 eine Organisation ins Leben gerufen, die das einzigartige Kulturerbe im Tal erhalten will. Rachele Gadea Martini, die Nichte von Plinio, steht ihr als Koordinatorin vor.   Vor der Hütte lädt eine grosse Tischplatte aus Granit zum Sitzen ein. Bruno Donati packt sein Picknick aus. Er blickt auf die Steinhütte, dann aufs Bavonatal und meint: «Im oberen Maggiatal gibt es ein paar junge Leute, die einen Hof betreiben. Wieder ein paar Bauernbetriebe mehr im Tal, ja das wäre schön!»

Da will ich hin! Wandervorschlag

Bergwanderung

San Carlo > Roseto   11.5 km | 6 h 10

Die Alpen über dem engen Bavonatal sind das pure Gegenteil des Tales. Sie sind weit, luftig und im Herbst auch wunderbar farbig. Oft führen die Wege über Treppen, die steil in senkrechte Talflanken gebaut sind, wie auch auf dieser Wanderung. Sie braucht Engagement, kann aber gut auch....

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