Wanderer statt Alphirten

Die steilen Hänge des Verzascatals sind gespickt mit unzähligen Maiensässen und Alphütten. Viele der eindrücklichen Steinhäuser und Plattenwege drohen endgültig zu zerfallen. Ein Verein von Freiwilligen hat einige wieder instand gestellt, ermöglicht authentische Wanderungen – und verspricht dem Tal eine Zukunft.

Reto Wissmann, Sandra und Stefan Grünig-Karp

Nur ein vergilbtes Foto erinnert noch an das harte Leben auf der Alp Corte di Cima. Männer, Frauen und Kinder in abgetragenen Kleidern blinzeln darauf mit schmutzigen Gesichtern in die Kamera. Hinter ihnen weiden Kühe und Rinder. Heute grasen hier oben nur noch ein paar versprengte Schafe. Zwei ehemalige Ställe wurden renoviert und bieten nun Wanderern auf 2039 Metern ü.M. eine stattliche Unterkunft. Die gemütliche Stube der Capanna Efra ist mit Holz- und Gasherd ausgerüstet, die Schränke sind gefüllt mit Getränken, Teigwaren und Kaffeepulver, es gibt fliessendes Wasser, komfortable Toiletten und sogar eine Ladestation für das «Telefonino ».

 

Versteckt zwischen Lärchen und Heidelbeerbüschen liegt der Lago d’Efra.

Nur hochlaufen muss man immer noch selbst – obschon dies heute für die meisten Besucherinnen und Besucher weniger ein Muss als ein Darf ist. Der Aufstieg beginnt bei der Kirche San Bernardo von Frasco im hinteren Verzascatal. «Achtung, Schafe und Ziegen», warnen grosse Schilder neben dem Wanderweg. Sie scheinen aber schon länger hier zu hängen. Heute kann es vorkommen, dass man den ganzen Tag über kein einziges Tier zu Gesicht bekommt. Den angenehmen Weg, der links des Wildbachs ins Val d’Efra hineinführt, haben die Wanderer aber auf jeden Fall noch dem Vieh beziehungsweise ihren Besitzern zu verdanken.

Erbe der Vorfahren erhalten

Wandernde freuen sich heute über die Plattenwege der Alphirten.

Die zweitägige Wanderung hoch über dem Verzascatal ist gleichermassen ein Gang durch die Vergangenheit, in der auch dem steilsten Abhang noch ein Stück Weideland abgetrotzt worden ist, als auch durch die Gegenwart und die Zukunft, in der die Talbewohner versuchen, das Erbe ihrer Vorfahren zu erhalten und mit neuen Ideen zu beleben. Sie haben die ersten Steinhäuser am Wanderweg zu einfachen Sommerhäuschen inklusive Solaranlage und Grillplatz umgebaut. Auch bei den Maiensässen Mont Val d’Efra und Montada wird ein Teil der gerodeten Flächen noch genutzt, junge Ahorne verwandeln allerdings schon viel Weideland wieder in Wald.

Der Weg hoch zur Sommeralp könnte abwechslungsreicher kaum sein. Er führt durch ehemalige Kastanienhaine, überquert Wasserläufe, die über viele Stufen ins Tal stürzen, und steigt schliesslich steil an zur prächtigen Geländeterrasse der Alpe dell’Efra. «V+C 1880» ist in eine grosse Steinplatte eingemeisselt. Wie es damals hier wohl ausgesehen hat? Von den zahlreichen Ställen, Pferchen und Käselagern wurde ein Teil fachgerecht renoviert und für Wanderer zugänglich gemacht. Neben einem plätschernden Brunnen steht zudem ein grosser Tisch mit Bänken aus dicken Lärchenholzbrettern. Und sogar bei schlechtem Wetter ist dies ein guter Rastplatz. Der Dachstock des grössten Gebäudes wurde ebenfalls erneuert – es dient heute als gedeckter Picknickplatz mit Weitblick.

Viel Freiwilligenarbeit

Weiter in Richtung Capanna d’Efra bekommen die Heidelbeeren bald Oberhand. Die Wanderer freut es natürlich, Tiere können hier aber nicht mehr weiden. Immer wieder wird einem bewusst, dass diese fantastische Landschaft nur dank den Alphirten vergangener Zeiten erschlossen worden ist und es heute viel Freiwilligenarbeit braucht, um sie zugänglich zu halten. Wie erfüllend dies sein kann, zeigen zwei rüstige Rentnerinnen, die soeben in der Selbstversorgerhütte weiter oben zum Rechten geschaut haben. Fröhlich schwatzend laufen sie nach getaner Arbeit dem Tal entgegen.

 

Einst Kuhstall, heute Wanderhütte: die Capanna d'Efra.

Von der Alpe dell’Efra geht es hinauf zum Lago d’Efra und schliesslich zur Capanna Efra, wo eine Dreiergruppe aus Luzern bereits den Holzofen eingefeuert hat. Die erfahrenen Berggänger haben sich die Via Alta della Verzasca vorgenommen, eine alpine Mehrtageswanderung, die über die schroffen Gipfel und schmalen Grate zwischen Verzascatal und Leventina führt. Die Luzerner sind nach der ersten Etappe begeistert. Tatsächlich zieht die Via Alta jedes Jahr rund 600 ambitionierte Wanderer aus dem In- und Ausland an und sorgt so für die Belebung der Region. Möglich gemacht hat dies die 1983 von passionierten Berggängern gegründete Società Escursionistica Verzaschese. Der Verein zählt unterdessen 850 Mitglieder, die meisten sind Einheimische, aber auch Exildeutschschweizer helfen mit. Er hat nicht nur die Capanna Efra renoviert, sondern auch die ehemaligen Alphütten Borgna, Cornavosa, Barone und als bisher letzte 2016 auch Cognora zu gemütlichen Wanderhütten umgebaut. Zudem kümmern sich die Mitglieder liebevoll um die Pflege der Wanderwege. «Wir wollen, dass alles so schön bleibt, wie es ist», sagt Vereinspräsident Giorgio Matasci.

Mit der spektakulären Via Alta della Verzasca und der Sanierung der Hütten hat der Verein Pionierarbeit geleistet, auf der andere Organisationen aufbauen. Im Sommer konnte der SAC zusammen mit dem Tessiner Alpenverein und Ticino Sentieri die Via Alta Idra eröffnen, einen 100 Kilometer langen alpinen Höhenweg, der vom Nufenen bis an den Lago Maggiore führt und teilweise der Via Alta della Verzasca folgt.

Alpkäserei lohnt sich nicht mehr

Zwischen Passo di Gagnone und Scaiee sind auch anspruchsvolle Passagen zu meistern.

Die zweite Tagesetappe führt etwas weniger anspruchsvoll zunächst noch ganz hinauf auf den Passo di Gagnone, die Bocchetta dello Scaiee und den unspektakulären Gipfel des Scaiee mit seiner umso spektakuläreren Aussicht bis zum Monte-Rosa-Massiv mit der Dufourspitze. Danach folgt der lange Abstieg mit einem ersten Zwischenhalt auf der einst stolzen Alp Mazèr, wo früher Hunderte von Kühen, Ziegen, Schafen und Schweinen den Sommer verbracht haben müssen. Heute dominiert hier der Zerfall. Die Steinruinen zeugen von einem einst lebhaften Sommerdorf auf über 2000 Metern über Meer. Jetzt brechen aber sogar die ersten Dachbalken der imposanten Ställe, die man in diesen Dimensionen sonst kaum irgendwo sieht.

 

Kaum bekannt, aber idyllisch: das Val d’Agro.

Ein paar neugierige Rinder grasen um die Ruinen, Menschen sind allerdings keine zu sehen. Schon klar, dass sich die Alpwirtschaft gewandelt hat. Traurig macht einen der Anblick aber trotzdem. Welche Anstrengung und welches Können steckt in diesen Mauern! Versöhnlich stimmt nur die Tatsache, dass die zerfallenden Häuser in nur wenigen Jahren wieder vollständig mit der Natur verschmelzen. Nur ein paar alte Weinflaschen und das rostige Rad einer Schubkarre werden noch etwas länger an die Präsenz der Alphirten erinnern. Giorgio Matasci ist sich bewusst: Jede ehemalige Alp kann sein Verein nicht retten. «Schon seit 40 Jahren lohnt sich die Alpkäserei hier nicht mehr», sagt der Verzaschese konsterniert. Doch wer weiss? Vielleicht kommt doch noch alles anders. Über kunstvoll gebaute Steintreppen und eindrückliche Plattenwege geht es steil hinunter nach Agro. Das abgelegene ehemalige Maiensäss liegt idyllisch an einem Bergbach mit Wasserfall und Steinbecken. Die schmucken Rustici sind fast alle sorgfältig renoviert. Doch plötzlich stört der Rotorenlärm eines Helikopters die Idylle. Im engen Seitental der Verzasca setzt er Passagiere ab und verschwindet sofort wieder. Der fast zweistündige Fussweg von der nächsten Strasse in Lavertezzo bis nach Agro ist einigen Rusticobesitzern offenbar doch zu lang und zu mühselig.

Die Zweitagestour endet schliesslich in Lavertezzo mit dem obligaten Gang über die berühmte Doppelbogenbrücke. Hier zeigt sich, was den Tourismus auch noch beleben kann: Als 2017 ein italienischer Blogger in einem Internetvideo die smaragdgrünen Becken der Verzasca mit den Malediven verglichen hat, wurde der Ort förmlich überrannt. Noch immer vergnügen sich heute auffallend viele junge Leute auf den blank geschliffenen Granitfelsen. Vielleicht werden sie ja später auch noch etwas tiefer – beziehungsweise höher – in die Schönheiten des Tals eintauchen.

Da will ich hin! Wandervorschlag

Bergwanderung

Frasco, Chiesa > Lavertezzo, Paese   21.0 km | 9 h 15

An einem schönen Herbsttag weist nichts darauf hin, wie wild und manchmal auch gefährlich die Nordtessiner Berge sein können. Ausser die gelbe Markierung am Turm der Kirche San Bernardo. Sie zeigt an, wie hoch sich die Schneemassen der Lawine türmten, die 1951 in Frasco....

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