Gut vorbereitet bis ganz nach oben

Das Erreichen eines Gipfels ist für geübte Kinder der Höhepunkt des Wanderjahres. An den Beispielen des Vilans GR und des Chaiserstuels NW zeigt der Wanderpapa der Schweizer Wanderwege, was funktioniert und was nicht. Und warum eine Gipfelbesteigung nichts Spontanes ist.

Rémy Kappeler

Hoch über dem Rheintal freuen sich die Kinder über ihren Erfolg: die Besteigung des Vilans.

Rémy Kappeler, Wanderpapa

Der Vilan war zweifellos der Höhepunkt unseres Wanderjahres. Ich hatte meinen Kindern den Gipfel bereits im Frühling schmackhaft gemacht. Und so freuten wir uns schon auf der vorabendlichen Anreise auf die Glücksgefühle auf dem Gipfel. Am Morgen lief alles wie geplant. Wir waren fünf vor neun an der Talstation, wo ich für die Neun-Uhr-Fahrt Plätze reserviert hatte. Zum Glück, denn wir waren nicht alleine. Die gelbe Bahn schenkte uns Höhenmeter um Höhenmeter. Bei jedem Mast musste unser vierjähriger Lichterprinz von Herzen lachen. Der zwölfjährige Zwergenkönig, die neunjährige Zauberfee und ich stimmten gutgelaunt mit ein.

 

Ich hatte die Route im Voraus gut studiert und mir von Kennern der Gegend erklären lassen, wie anspruchsvoll und ausgesetzt der Alpinwanderweg ist. Ich wusste, dass es eine steile Angelegenheit werden würde, und hatte deshalb viel Zeit eingeplant für die errechneten eindreiviertel Stunden bis zum Gipfel. Aus meiner Erfahrung weiss ich: Wenn die Eltern gestresst sind, wird es mühsam. Dann wollen auch die Kinder nicht mehr. Und es macht wesentlich mehr Spass, wenn man Zeit hat, zwischendurch was zu essen oder zu spielen.

Ein erster Höhepunkt

Ein Seilbähnchen als Einstieg motiviert die Kinder: die Älplibahn Malans.

Die Wanderung begann also steil, 600 Höhenmeter standen an. Noch war es schattig und frisch, die Gräser waren taubehangen. Die drei Kinder begannen motiviert, schafften Spitzkehre um Spitzkehre, sammelten Gräser und spielten damit das Kinderspiel «Huhn oder Hahn?». Der Zwergenkönig, mein ältester Sohn, übernahm die Führung und gab das Tempo vor, musste aber immer wieder warten, was ihn zunehmend ungeduldig machte. Wir assen ein erstes Znüni. Ich zückte das Kinderfernrohr und den Kinderfeldstecher, weil die Aussicht immer weitreichender wurde, und erklärte Gipfel und Dörfer, soweit mein Wissen und die Landeskarte reichten. So kamen wir auf dem Messhaldenspitz an, dem ersten Ziel. Er hatte bereits ein Gipfelkreuz – das verlieh uns das Gefühl, viel erreicht zu haben. Immerhin hatten wir schon 400 Höhenmeter unter uns gelassen. Nun wurde der Weg anspruchsvoller, aber auch interessanter, weil er entlang der Krete führte und auf der Seite der Bündner Herrschaft steil abfiel. Der Weg führte ein-, zweimal direkt am Abgrund entlang, sonst lag er meist etwa eineinhalb Meter breit in der Wiese.

«Geniesse den Moment»

Wandern darf für Kinder auch anspruchsvoll sein.

Ich nahm die Kinder zu mir, verlangte Konzentration und Aufmerksamkeit. Den kleinen Lichterprinzen setzte ich in die Rucksacktrage. Bald führte der Weg im Zickzack hinauf. Langsam kam der Gipfel näher, und der Zwergenkönig wurde immer ungeduldiger. Da das Terrain unterdessen einfacher und übersichtlicher geworden war, erlaubte ich ihm, vorauszugehen – unter der Voraussetzung, dass er oben direkt beim Gipfelkreuz warte. So erreichte er den Gipfel zwar vor uns, dafür glücklich. Schliesslich standen wir auf 2376 m ü. M., gratulierten uns gegenseitig, klatschten uns ab, machten Gipfelfotos. Und genossen ein einfaches Gipfelpicknick. Der Älteste entdeckte das Gipfelbuch und verewigte sich: «18.7.2018, 12.40 Uhr: Es ist toll, diese Aussicht. Ich geniesse den Moment auf dem Vilan.»

Erster Erfolg Messhaldenspitz: Pause und Jubel.

Wandern trainieren

So einfach, wie es hier tönt, ist es nicht ganz. Wer diese Gipfelwanderung nun mit seinen Kindern ohne Vorbereitung nachwandern will, kann das schon schaffen. Ich empfehle es aber nicht. Denn hinter einer erfolgreichen Gipfelbesteigung mit Familie steckt eine längerfristige Planung. Und Training. Wandern ist zwar unbestritten ein Volkssport. Das heisst aber nicht, dass die Königsdisziplin, das Berg- oder gar Alpinwandern, ohne Können und Training für jedes Kind zu schaffen ist. Warum gehen manche Eltern davon aus, dass ihr Kind eine Bergwanderung ohne Probleme und mit Freude schafft, ohne dass es darauf vorbereitet worden ist? Gehen dieselben Eltern auch davon aus, dass ihr Kind im Fussball oder Kunstturnen ohne Training gleich an der Schweizer Meisterschaft teilnehmen kann und gar gewinnt?

Auch beim Wandern wird man immer sicherer und ausdauernder, je öfter man es tut. Das gilt für Kinder wie auch für Eltern, beide werden erfahrener und wissen immer genauer, was sie sich und anderen zutrauen können und wo ihre Grenzen liegen. Die Kinder lernen, dass die Wege je nach Wetter unterschiedlich anspruchsvoll sind: Regen oder Tau lassen den Untergrund rutschig werden. Sie merken, dass die Wanderung auf dem Gipfel nicht fertig ist, dass der Abstieg nochmals volle Aufmerksamkeit und viel Energie fordert. Eltern stellen fest, ob ihre Kinder schwindelfrei sind oder nicht. Und sie lernen, wie zu reagieren, wenn den Kindern schwindlig ist am Berg oder sie Angst haben. Und vielleicht machen sich die Eltern Gedanken, wie sie reagieren würden, wenn sie selbst plötzlich Angst hätten.

Misserfolge gehören dazu

400 Höhenmeter sind bereits geschafft, und der Gipfel liegt in Griffnähe.

Es gilt also, die Kinder nicht zu überfordern – und auch sich selbst nicht. Und Geduld zu haben. Also: mit kurzen, anspruchslosen Wanderungen beginnen und dann nach und nach schwierigere Wanderungen planen und durchführen. Und eine Wanderung auch mal nur mit einem Kind unternehmen, um es besser betreuen zu können. Dieses Heranführen ans Bergwandern darf auch länger als eine Saison dauern. Und Misserfolge sind erlaubt: Man soll sich nicht schämen für eine abgebrochene Wanderung, weil die Tagesform des Nachwuchses einfach nicht gut oder Papas Planung zu optimistisch war. Auch spontan auf eine einfachere Alternativroute zu wechseln, ist erlaubt – im Idealfall hat man diese schon im Voraus geplant.

Je älter die Kinder sind, desto mehr dürfen Eltern auch Anforderungen stellen und ihnen Verantwortung übertragen. Um sie dann körperlich und mental auf eine lange Wanderung oder einen Gipfel hinzuführen. Anstelle eines Gipfels kann auch ein weiss-blau-weisser Alpinwanderweg attraktiv sein. Ein solcher ist aber meistens deutlich anspruchsvoller als ein Bergwanderweg. Alpinwanderwege können auch über Schneefelder, Gletscher oder Geröllhalden führen und kurze Kletterstellen beinhalten. Teilweise sind sie weglos. Ich empfehle deshalb, solche Wege unbedingt vorher zu rekognoszieren.

Kindertaugliche Gipfel

Auch für den Abstieg müssen die Kinder noch genug Kraft haben.

Doch welcher Gipfel eignet sich am besten für Kinder? Der eingangs erwähnte Vilan passt gut für geübte Kinder: Mit der Älplibahn Malans überwindet man leicht einen grossen Teil der Höhenmeter. Dann sind es nur noch eindreiviertel Stunden bis auf den Gipfel, was für geübte, trittsichere Kinder ab etwa acht Jahren gut machbar ist. Der Alpinwanderweg ist fordernd, aber nicht überfordernd. Und der Gipfel ist nicht zu ausgesetzt: Die Familie kann oben den Moment geniessen, ohne Angst zu haben, dass ein Kind runterfällt, wenn es herumläuft. Weitere solche Gipfel sind hier aufgelistet.

Der Sohn verschmäht den Papa

Und wie gesagt: Die Eltern müssen auch mit Rückschlägen leben lernen. Was mir beim Chaiserstuel NW geschehen ist. Diese Wanderung hatte ich als Vater-Sohn- Tag geplant – nur mein Ältester und ich –, und ich wollte dafür einen freien Halbtag beziehen. Doch der Zwergenkönig hatte an diesem Tag anderes vor: Seine Klasse plante einen Stadt-OL, und am Abend stand sein geliebtes Frisbeetraining an. Ich staunte, weil er bisher das Wandern noch nie verschmäht hatte, fand mich aber damit ab. Und zog ohne ihn los nach Oberrickenbach, wo mich zwei kleine Buiräbähnli in die Höhe trugen. In Gedanken studierte ich am Gipfelmoment herum, den ich nun also alleine erleben würde.

Beim Loswandern versuchte ich, mir die Wanderung mit meinem Sohn vorzustellen. Auf dem ersten Teil bis Rinderstafel würde der Zwölfjährige darüber referieren, dass dieser steinige Weg langweilig sei und er schon viel lieber einen schmalen Pfad hätte. Ich würde ihm selbstverständlich zustimmen. Auf der Sinsgäuer Schonegg würde er vielleicht die schöne Rundsicht loben, sie vielleicht auch einfach ignorieren. Und sich dann freuen, dass endlich der weiss-blau-weisse Alpinwanderweg beginnt, die ultimative Herausforderung für ihn als geübten, trittsicheren Nachwuchswanderer. Dann hätte ich ihn ermahnt, auf der kleinen Gratpassage und dem folgenden strengen Zickzackaufstieg konzentriert zu wandern, weil der Weg glitschig war.

Gipfelfoto in Grün

Kein Kind da, dafür machen Soldaten mit: Gipfelfoto auf dem Chaiserstuel.

Würde, hätte, müsste – die Realität sah anders aus. Ich blieb zwar nicht alleine: Während der Rast auf der Sinsgäuer Schonegg holten mich Soldaten ein. Den nächsten Anstieg überwanden wir gemeinsam. Ich mit meinem Leichtgewicht am Rücken und meinen Stöcken in den Händen, die Soldaten mit vollbepackten Rucksäcken, Seil und Pickel, dafür ohne Stöcke – sie kämpften mit dem rutschigen Untergrund. So zog ich davon über den fl achen, grasigen Bergrücken, über die steile Wegspur durchs Geröll und über die kleine Kletterpartie bis auf den Gipfel. Da stand ich nun, alleine, legte mich ins Gras und ass mein Picknick. Genoss das Alleinsein. Und stellte mir dann die Frage: Ja, was kommt aufs Gipfelfoto? Weit und breit ist kein Kind, nur die Fliegersoldaten, die unterdessen auch eingetroffen waren. Also entschloss ich mich kurzerhand, mit ihnen auf dem Gipfelfoto zu posieren. Sie machten bereitwillig mit, streckten sogar gemeinsam mit mir die Hände in die Höhe. Alles lief also nach Plan – fast jedenfalls.

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