Ein Weg ist das Ziel

Auf der zweiten Etappe unserer Gemeinschaftsweitwanderung steigen wir hoch ins Gebirge. Auf blau-weissen Pfaden absolvieren wir einen Teil der neuen Via Glaralpina. Doch damit nicht genug: Die Glarner Wanderwege nehmen uns prompt mit auf einen Helikopterflug und zeigen uns ihre Arbeit direkt im Gelände.

Mia Hofmann, Severin Nowacki

Sage und schreibe 1200 Kühe sommern auf dem Urner Boden! Nach einer unterhaltsamen Postautofahrt ab Linthal mit Hintergründigem vom Chauffeur stehen wir auf dem Klausenpass. Hier fällt der Startschuss zu unseren zwei Tagen Via Glaralpina, die im Juli 2019 eröffnet wird. Beim Kaffee auf der Restaurantterrasse lesen wir noch einmal nach: 220 Kilometer, 20 Gipfel, fast 19 000 Höhenmeter. In 18 Etappen führt die Strecke grob den Grenzen des Kantons Glarus entlang. Wir fragen uns: Wie plant man einen Weitwanderweg? Was braucht es, bis die Strecke eröffnet werden kann? Und wer sind die Macher der Via Glaralpina?

Eisschollen im Gletscherseeli

Als Erstes wollen mein Begleiter und ich die Wanderung aber am eigenen Leib erfahren und heute Abend in der Claridenhütte übernachten. Durch saftiges Grün steigen wir hoch, traversieren ein imposantes Felsband und atmen die frische Luft. Das Wetter meint es gut. Im Hintergrund hören wir das leise Rauschen der Autos auf der Passstrasse. Zweimal passieren wir ein Schild mit der Aufschrift «Gletscherseeli ». Was grollt da wie Donner bei schönstem Wetter? Beim Gemsfairenhüttli machen wir eine Pause. «Soeben ist ein grosses Stück Eis abgebrochen und in den See gestürzt», erzählen zwei Wandernde am selben Holztisch, «so etwas haben wir noch nie gesehen!»

Noch wandern wir weiss-rot-weiss. Bild: Mia Hofmann

Bald folgt das Hasentrittli: Die erste etwas anspruchsvollere Stelle ist mit Metallseilen gesichert. Mit den Armen hochziehen und nicht in die Tiefe schauen – schon schlendern wir wieder auf angenehmen Pfaden Richtung Fisetenpass. Bei unsicherem Wetter kann man hier mit der Seilbahn wieder ins Tal schweben. Wir aber steigen den steilen Grat zum Gemsfairenjoch auf 2846 m ü. M. hoch und überwinden 800 Höhenmeter. Heidelbeeren, Blumen und Kalksteinformationen werden immer mehr von Geröll und blankem Fels abgelöst. Wir spüren: Hier muss ein mächtiger Gletscher seine Spuren hinterlassen haben.

Schoggi in der Mondlandschaft

... der schmale Grat kurz vor dem Bündner Vorab bereit, bewandert zu werden. Bild: Severin Nowacki

Die letzten Höhenmeter werden spannend: Einmal steigen wir auf einem Felsband hoch, rechter Hand geht es senkrecht hinunter in eine Spalte. Ab wann ist eine Sicherung des Wegs durch technische Einrichtungen nötig? Wir brauchen beide Hände, um bequem hochzukommen. Dafür werden wir gebührlich belohnt: Mit jedem Meter, den wir auf dem an eine Mondlandschaft erinnernden dunklen Kies zurücklegen, tut sich die Aussicht ein Stück mehr auf. Jetzt bleibt uns der Mund offen stehen: Wow! Der Ausblick auf den Claridenfirn ist schlicht atemberaubend. Spätestens hier ist es Zeit für ein Selfie. Minutenlang starren wir danach einfach nur auf die vor uns liegende Szenerie, weisen uns auf besonders spannende Eiszeichnungen hin und ziehen schliesslich gegen den Passwind eine Jacke über.

Riegel und Schokolade geben uns Energie, denn der Abstieg hat es in sich. Es gilt, ein Felsband zu durchsteigen und den Schnee am Rand des Gletschers zu traversieren. Wir setzen die Sohle der Bergschuhe bei jedem Tritt vorsichtig auf. Zum Glück ist es trocken, wir haben Halt und kommen heil unten an. Für die Schneepassage sind Stöcke ein Muss. Nach rund einer Stunde befinden wir uns wieder auf festem Grund. Erleichtert steigen wir ab, und bald kommt die Claridenhütte in Sicht. Hühner, Hängematte und Balancierseil empfangen uns, und wir geniessen in den mit Schaffellen gepolsterten Korbstühlen ein Adlerbräu – herrlich! Wieder diskutieren wir: Wer hat sich diese attraktive Route ausgedacht? Die Hüttenwartin lacht und gibt mir die Nummer von Gabi Aschwanden, Mitinitiantin der Via Glaralpina und Hüttenwartin der Fridolinshütte. Gabi freut sich über die Fragen: «Willst du nicht gleich mit dabei sein, wenn wir ein Stück der Route ausbessern? » Natürlich will ich. «Nächste Woche fliegen wir ab Elm mit dem Helikopter hoch, kommst du mit?»

Helikopterflug für neue Ketten

Ein paar Tage später stehe ich also zusammen mit Fotograf Severin Nowacki um sieben Uhr auf dem Parkplatz der Sportbahnen Elm. Wir schütteln die Hände von Heidi Marti, Bergführer Hans Rauner und seinem Angestellten Jannik Bäbler. Heidi und Hans gehören zusammen mit Gabi zum sechsköpfigen Komitee der Via Glaralpina, haben die Route entworfen und markiert. Kurz darauf ertönt ein Brummen, und der Helikopter von Heli-Linth landet nur wenige Meter neben uns. Rasch sind die Eisenketten, der Generator und das Werkzeug im Transportkorb verstaut. Im Nu überwinden wir fast 2000 Höhenmeter und landen auf einem schmalen Grat kurz vor dem Bündner Vorab. Sobald der Heli abgerauscht ist, kehrt wohltuende Stille ein, die Morgensonne taucht die Berge in gelbes Licht. Doch wir sind nicht zum Verschnaufen hier: «Nid schmeichle, schaffe!», verkündet Bergführer Hans, und schon versenkt Jannik den Bohrer im Fels.

Das Dreiergespann will heute an zwei Stellen arbeiten, an beiden sollen Eisenketten befestigt werden. «Vor allem bei nassem Wetter kann Fels sehr rutschig werden», erklärt Heidi. «Solche Stellen müssen wir sichern. Und auch jene, wonicht nur Rutsch-, sondern auch Sturzgefahr besteht.» Heidi setzt sich gern für den neuen Weitwanderweg ein. Sie erzählt von dessen Entstehung. In einem Sommer war sie zusammen mit Gabi und einer Gruppe auf der Via Alta della Verzasca unterwegs. Zurück im Kanton Glarus fragten sie sich: «Wir haben hier so tolle Berge, wieso gibt es hier keine solche Strecke?» Eines Abends sass Gabi dann mit Hans bei einem Glas Wein zusammen – und die Idee der Via Glaralpina entstand.

Jannik Bäbler bohrt das Loch...

... Hans Rauner leimt...

... und schlägt die Verankerung in den Fels.

Er montiert die Kette ...

... und zum Schluss markiert Heidi Marti den Weg.

Die Arbeit ist getan.

Für den sanften Tourismus

Seit dem Entschluss sind rund drei Jahre vergangen. Die Beteiligten haben Kontakte geknüpft, Bewilligungen beantragt und zehn neue alpine Routen markiert. Träger des Projekts ist der Verein Glarner Wanderwege. «Wir sind alles begeisterte Alpinisten und wollen unser Gebiet anderen ambitionierten Berggängern zugänglich machen», erklärt Heidi. Sanft den Tourismus anzukurbeln, sei die Idee, auch wenn sie nicht grosse Besuchermassen erwarteten. Denn über weite Strecken ist die Via Glaralpina weiss-blau-weiss markiert, beinhaltet also immer wieder leichte, auch ausgesetzte Kletterpartien. «Man sollte schon erfahren sein und die Verhältnisse einschätzen können», sagt Heidi, «aber dann ist die Strecke der absolute Hammer!» Mittlerweile haben Hans und Jannik rund zehn Löcher gebohrt, mit einem Pfeifenputzer den Steinstaub entfernt, Leim hineingepumpt und die Verankerungsstangen darin versenkt. Jetzt muss der Leim trocknen – Frühstück ist angesagt. Mit einem Messer schneidet sich Hans Brot und Käse zurecht, die braunen, vom Wetter gegerbten Hände ragen aus dem Saum seiner leuchtend orangen Arbeitsjacke hervor. Wir sprechen über Geld. Viele Private, aber auch Sponsoren wie Versicherungen oder andere Unternehmen aus der Region haben mitgeholfen, die Via Glaralpina zu ermöglichen. «Für die Strecke vom Panixerpass zur Martinsmaad hat ein Paar 19 000 Franken gespendet», erzählt Hans, «das macht schon Freude.» Planung, Material, Heliflüge, Personal – bis eine Strecke sicher ist, braucht es einiges. Deshalb geht es jetzt zurück an die Arbeit. Die Kette wird befestigt: Am Felsband, wo vorher Absturzgefahr herrschte, hat man nun sicheren Halt.

Bei laufenden Rotoren einsteigen, den Ohrenschutz mit Funk aufsetzen, und schon brausen wir wieder mit dem Helikopter um die Felsen. Als wir in ein Tal einbiegen, stellt sich ein leichtes Achterbahngefühl im Magen ein. Wir landen und laden aus, und es kehrt wieder Stille ein. Hier soll ein altes Stahlseil entfernt und eine neue, längere Kette montiert werden. Ketten, Tritte, Griffe, Sprengungen oder Markierungen – je nach Gelände sind andere Vorkehrungen nötig. Heidi ist zu 50 Prozent bei der Gemeinde Glarus Süd angestellt, hält die Wege instand und markiert sie. Den Ort, an dem wir stehen, kennt sie seit der Kindheit: «Damals lag hier aber ewiger Schnee.» Deutlich sind die Spuren des Gletschers zu sehen, der geschliffene Fels, das Geschiebe, die Mittelmoräne. «Mich macht das schon etwas traurig», kommentiert sie. Durch die Erwärmung würden zwar neue Strecken möglich, doch vor allem werde das Gestein lockerer, was viele neue Sicherheitsvorkehrungen nötig mache. Heidi zückt den Pinsel und zieht drei exakte Striche auf einem flachen Fels: weiss-blau-weiss.

Aprikosenkuchen

Auf den Tag zurückblicken in der Claridenhütte. Bild: Mia Hofmann

Und wie wir von der Claridenhütte wieder ins Tal gekommen sind? Kurz nach Sonnenaufgang sind wir zur Beggilücke hoch, zum Ober Sand hinunter und wieder zur Fridolinshütte hochgestiegen. In den frühen Morgenstunden haben wir Murmeltiere und Gämsen beobachtet, uns ein Znüni mit Aprikosenkuchen und Kaffee gegönnt und sind dann steil, aber wunderschön dem Bifertenbach entlang zum Hintersand abgestiegen und weiter nach Tierfehd. Denn schliesslich wollen wir unsere Erkenntnisse an den nächsten Weitwanderer weitergeben, der sich ab hier auf den Weg machen will.

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Sie finden den dazugehörigen Wandervorschlag auf der WANDERN.CH Weitwanderung