Heimtückischer Schnee von gestern

Früher war den Menschen die Bergwelt unheimlich. Da gab es Bergstürze, heftige Gewitter, gar böse Geister. Diese Furcht ist heute verflogen. Trotzdem ist auf Bergwanderungen Vorsicht geboten, denn auch im Hochsommer kann man auf Altschneefelder stossen. Tourenleiter Bänz Simmen zeigt am Lolenpass das richtige Verhalten.

Daniel Fuchs

Die Schafe, die an jenem heissen Julitag an einem Hang am Oberalppass weideten und Abkühlung suchten, konnten nicht ahnen, dass das erfrischende Altschneefeld von einem kleinen Bachlauf unterhöhlt war. Kaum hatten sie das Weiss betreten, brachen sie einige Meter ein, waren gefangen und hätten sich aus eigener Kraft nicht befreien können. Sie hatten Glück im Unglück: Bänz Simmen war zu Fuss in der Gegend unterwegs, hörte das Blöken der Schafe und rief Hilfe.

Simmen kennt das Urserental wie seine Westentasche, macht Führungen zu Geschichte, Kultur und Geografie der Gegend. Er kennt viele aromatische Wildpflanzen wie den Guten Heinrich oder die Rapunzel, welche die Speisekarte bereichern, aber auch Blumen wie den Eisenhut, die giftigste Pflanze im Alpenraum, die man besser gar nicht anfasst. Und er kennt auch all die anderen Gefahren, vor denen man auf der Hut sein sollte. Die Klimaerwärmung lasse den «Kitt des Gebirges», die Permafrostböden, zurückgehen. «Alles, was mit Erosion zu tun hat», sagt Simmen, «ist viel stärker geworden: Steinschlag, Mauergänge, Auswaschungen. Das Gebirge ist dynamisch und lebt.» Was den Berggänger herausfordert, freut den Strahler, der Simmen auch ist. Beim Suchen nach Kristallen profitiert er manchmal von den Erosionen und Erdbewegungen, weil Gesteine zum Vorschein kommen, die man sonst mühsam hätte suchen müssen.

Alternativen prüfen: Ist das Begehen des Schneefelds wirklich notwendig? Wenn ja: Mit festen Bergschuhen waagrechte Stufen in den Schnee hauen. Bilder: Daniel Fuchs

Steile Passagen meistert Simmen im Zickzack. Bild: Daniel Fuchs

Man weiss nie, was darunter ist

Für Wandernde gefährlich können insbesondere Altschneefelder sein. Am Gotthard, dem Quellgebiet von Rhein, Rhone, Reuss und Ticino, fällt im Winter viel Schnee. Dieser bleibt an Schattenhängen manchmal bis in den Juli oder August liegen. Es kann also immer wieder vorkommen, dass auch im Sommer Altschneefelder die Bergwanderwege bedecken. Das birgt vor allem zwei Gefahren, wie Bänz Simmen erklärt: «Bei einem Schneefeld weiss ich nie genau, was darunter ist.» Schon ein kleines Rinnsal kann Hohlräume schaffen. «Trotz aller Vorsicht bin auch ich schon eingebrochen, war aber immer bereit, zu reagieren und die Arme auszustrecken, damit ich mich wieder auffangen konnte.» Es kann aber auch schiefgehen: Man bricht ein, schlägt möglicherweise auf Fels auf, verletzt sich und kommt nicht mehr aus dem Loch heraus. Oft hat dann auch noch das Mobiltelefon keinen Empfang. «Bin ich allein in einem solchen Loch», sagt Simmen nüchtern, «habe ich im besten Fall eine sehr kalte Nacht vor mir.»

Auf einer seiner Touren stiess Bänz Simmen auch auf einen Bergwanderer, der ausgerutscht war und sich zwischen Fels und Altschneefeld eingeklemmt hatte. Er war nicht ernsthaft verletzt, hätte sich aber auch kaum alleine befreien können. «Es ist deshalb wichtig, im Gebirge immer aufmerksam zu bleiben und sich vorsichtig zu verhalten.»

Vereist und rutschig

Einer geht vor, der zweite wahrt Distanz. So kann man sich im Notfall helfen. Bild: Rémy Kappeler

«Die Schneefelder, welche übersommern», erklärt Simmen die zweite Gefahr, «sind vor allem im Juli oder August nicht mehr Schnee, sondern verfirnt. Das bedeutet, sie sind hart und sehr rutschig.» Tagsüber schmilzt der Schnee, nachts gefriert das Schmelzwasser wieder. Das macht vor allem die Ränder von Schneefeldern sehr glitschig. Auch ein fester Bergschuh mit Profilsohle bietet hier nicht immer Halt. Da kann ein kleiner Ausrutscher zu ernsthaften Verletzungen führen oder tödlich enden, wenn man sich nicht mehr bremsen kann und abstürzt.

Es gibt einfache Verhaltensregeln, wie man sich auch in schwierigem Gelände sicherer bewegen kann. Bei der Vorbereitung einer Tour soll man sich über die Wetter- und Wegverhältnisse informieren. Mit Gewittern und Wetterumbrüchen muss man immer rechnen und sich darauf vorbereiten. Das rät auch Nathalie Stöckli von den Schweizer Wanderwegen. Sie ist Koleiterin der Kampagne «Bergwandern – aber sicher», die von der BFU, den Seilbahnen Schweiz und der Swica mitgetragen wird und Wandernde über die Gefahren in den Bergen aufklären soll. «Zur Ausrüstung gehören generell feste Wanderschuhe mit guten Profilsohlen», sagt Stöckli. «Wenn man davon ausgehen muss, auf Altschneefelder zu treffen, sind Steigeisen oder Schuhkrallen gute Hilfsmittel.» Mindestens aber empfiehlt es sich, lange Kleider anzuziehen: Wer Pech hat und über ein vereistes Schneefeld abrutscht, kann sich die unbedeckte Haut stark verbrennen.

Beim Abstieg rammt Simmen die Fersen in den Schnee. Bild: Daniel Fuchs

Unterwegs ist es wichtig, sich bei heiklen Passagen auf den Weg zu konzentrieren, sich nicht durch Gespräche ablenken zu lassen, die Füsse sicher und bewusst zu setzen und weder zu grosse Schritte zu machen, noch zu schnell zu gehen. Wer eine Gegend gut kennt, weiss, wo es Bachläufe oder Rinnsale gibt. Aber in einem neuen Gebiet muss man sehr vorsichtig sein und die Situation sorgfältig analysieren. «Das ist immer wie Neuland», sagt Simmen.

Der erfahrene Berggänger schwört – vor allem wenn er einen schweren Rucksack trägt – auf seine Wanderstöcke, die ihn «zum Vierbeiner machen». So kann er das Gewicht besser verteilen und hat besseren Halt. «Manche Berggänger haben fast immer einen kleinen Eispickel dabei, mit dem sie sich bei Bedarf in einem Altschneefeld oder auch einem steilen Grashang bremsen und auffangen können», sagt Simmen. Von Vorteil ist auch, nicht alleine unterwegs zu sein: Einer geht vor, der zweite wahrt Distanz. So kann man sich im Notfall besser helfen.

 

Stöcke helfen nicht nur auf Schneefeldern, die Balance zu halten. Bild: Daniel Fuchs

Zu beachten gilt es auch die Tageszeit. «Wenn es in der Nacht sehr kalt war und alles gefroren ist, komme ich zwar mit Steigeisen und Stöcken ganz gut voran», führt Simmen aus. «Da habe ich guten Halt und sinke nicht ein.» Nur mit Bergschuhen ausgerüstet sei die Gefahr auszurutschen aber zu gross. Da mache man sich besser erst später auf den Weg, wenn man sicheren Tritt findet im Schnee.

Schneefelder möglichst umgehen

Achtung: Vor allem die Ränder von Schneefeldern sind sehr glitschig. Bild: Daniel Fuchs

Auch in einem weiteren Punkt sind sich Nathalie Stöckli und Bänz Simmen einig. Steile Altschneefelder sollte man nach Möglichkeit umgehen, oder, wie Nathalie Stöckli sagt: «Ohne Ausrüstung und Erfahrung soll man entweder eine Alternativroute wählen oder sogar umkehren.» Wenn es ausnahmsweise aber nicht anders geht, zeigt Simmen das Vorgehen exemplarisch auf einem Altschneefeld unterhalb des Lolenpasses im Val Maighels. Als Tourenleiter geht er voraus und schlägt mit seinen festen Bergschuhen waagrechte Stufen in den Schnee, in denen seine Mitwanderer Halt finden. «Aber wie gesagt: Meistens ist die Durchquerung nicht zwingend, und das Schneefeld kann ohne grossen Aufwand einfach umgangen werden.»

www.sicher-bergwandern.ch