Das Geheimnis der Wanderwege

Dass die Wanderwege in der Verfassung eines Landes verankert sind, ist weltweit einmalig. In der Schweiz sind sie es – seit 40 Jahren schon. Hugo Bachmann und Hans Ehrismann erinnern sich an den zähen Kampf um die von ihnen lancierte Volksinitiative. Und an den wichtigen Sieg am 18. Februar 1979.

Marie-Louise Zimmermann

Ohne den Rückhalt einer politischen Partei und professioneller Lobbyisten, dafür mit viel Herzblut: Plakat im Abstimmungskampf. Bild: zvg

«Unsere Wanderwege waren völlig rechtlos! Man konnte sie nach Belieben vergammeln lassen oder asphaltieren und für den motorisierten Verkehr öffnen.» Die Empörung schwingt noch immer mit, wenn Hugo Bachmann sich an diesen Missstand erinnert. Der heute 83jährige emeritierte ETH-Professor für Bauingenieurwissenschaften war in den 1970-er Jahren der Hauptinitiant der Verfassungsinitiative zum Schutz der Schweizer Wanderwege. «Wir waren eine wanderfreudige Familie, machten mit unsern drei Mädchen jede Pfingsten eine Etappe unserer ‹Fusstour de Suisse›. Dabei ärgerte ich mich oft über die schlechte Qualität mancher Wanderwege: Im Tessin waren sie verschwunden, im Mittelland unter Hartbelag.»

Dieses Problem griff auch der 2003 verstorbene Zürcher Stadtpräsident und Nationalrat Sigi Widmer in einer Pressekolumne auf. Er regte an, der Bund solle sich nicht nur um Eisenbahnen und Autostrassen kümmern, sondern auch Wanderrouten gesetzlich sichern.

Drei tatkräftige Idealisten

Bild: zvg

1972 taten sich die beiden zusammen und holten noch Hans Ehrismann ins Boot, den Technischen Leiter bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege (SAW), wie der Verband Schweizer Wanderwege damals hiess. Der Wetzikoner Primarlehrer hatte nicht nur die Wegmarkierungen vereinheitlicht, sondern organisierte auch sehr beliebte Gruppenwanderungen, Wanderferien und Schulwanderlager. «Er brachte eine ansteckende Begeisterung mit und eine unermüdliche Energie», erinnert sich Hugo Bachmann. Die drei gründeten die «Arbeitsgruppe zur Förderung der schweizerischen Fuss- und Wanderwege» unter dem Vorsitz von Hugo Bachmann und blieben ihr aktiver Kern.

Da Bachmann als Bauingenieurstudent auch staatsrechtliche Vorlesungen besucht hatte, wusste er, dass ihr Ziel nur mit einem Verfassungsartikel erreichbar war. So lancierte die Arbeitsgruppe 1973 eine eidgenössische Verfassungsinitiative, die den Bund zu Planung, Bau und Unterhalt eines Netzes von Wander- und Fusswegen verpflichten wollte. Sie hatte erkannt, dass nicht nur die Wanderwege in der Natur Schutz brauchten, sondern auch die Fussverbindungen im Siedlungsgebiet.

Viel Unterstützung

Wusste immer, dass sie gewinnen würden: Hans Ehrismann. Bild: Marie-Louise Zimmermann

«Wir wussten zum Glück nicht, was wir taten », sagt Hugo Bachmann und lächelt, «wir hatten weder Geld noch Infrastruktur. Doch mithilfe von Freiwilligen konnten wir einen Pressedienst und eine Sammelstelle für Unterschriftenkarten einrichten.» Auch ihre Familien zogen mit: Die Ehefrauen und die Eltern sammelten Zehntausende Unterschriften. Und zahlreiche Organisationen engagierten sich, vor allem die lokalen SAW-Sektionen, dazu Exponenten aus Natur- und Heimatschutz, der WWF, der Gewerkschaftsbund und sogar der ACS. So kamen in Rekordzeit statt der nötigen 50 000 über 120 000 Unterschriften zusammen, die im Februar 1974 eingereicht wurden. Und die Arbeitsgruppe konstituierte sich als Verein mit dem Namen «Arbeitsgemeinschaft Rechtsgrundlagen für Fuss- und Wanderwege» (ARF).

Widerstand des Bundesrats

Hat jahrelang seine Freizeit geopfert: Hugo Bachmann. Bild: Marie-Louise Zimmermann

Trotz dem eklatanten Erfolg der Unterschriftensammlung kamen kritische, oft spöttische Kommentare aus dem Bundeshaus: «Fuss- und Wanderwege gehören nicht in die Verfassung. Wo kämen wir hin! Dann würden bald auch die Velofahrer eigene Wege fordern…» Der Sprecher der ARF wurde zum zuständigen Bundesrat Hans Hürlimann zitiert, der ihm einen Kuhhandel vorschlug: eine jährliche Subvention für die SAW gegen Rückzug der Initiative. Darauf gingen die Initianten nicht ein, sondern begannen ihre Informationskampagne. «Ich habe viel gelernt bei dieser Übung», sagt Hugo Bachmann: «Wie stark die Lobby der Bauern ist, die ihre Feld- und Alpwege asphaltieren wollen. Und dass nur eine föderalistische Lösung in unserem Land eine Chance hat.»

Föderalistischer Gegenvorschlag

Bild: zvg

Gegenvorschlag Bundesrat Hürlimann, wissend um das zunehmende Wohlwollen für die Initiative, beauftragte eine Expertengruppe mit der Ausarbeitung eines weniger bundeslastigen Gegenvorschlags. «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach», dachten die Initianten und formulierten einen Text, der den Kantonen den Vollzug überliess. Trotzdem empfahl 1976 der Bundesrat die Initiative ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung, angeblich mit vier zu drei Stimmen. «Diese Enttäuschung! Wir waren wie gelähmt», erinnert sich der heute 91-jährige Hans Ehrismann. «Aber wir rappelten uns bald wieder auf. Die breite Unterstützung beim Sammeln von Unterschriften bewies doch, dass unsere Initiative vielen Leuten ein Anliegen war.»

Engagierte Kampagne

Das Initiativkomitee verstärkte also seine Überzeugungsarbeit. «Ich redete mit 143 National- und Ständeräten», erinnert sich Hugo Bachmann, «das bescherte mir den Ruf eines Wanderpredigers…» Das Resultat war ein Gegenvorschlag des Parlaments, dem schliesslich auch der Bundesrat zustimmte.

Inzwischen hatten die Initianten eine bescheidene Infrastruktur eingerichtet: In einer Abbruchliegenschaft hatten sie ein Büro gemietet, mit Telefonanschluss, erbettelter Schreibmaschine und altem Kopierapparat. Eine idealistische Sekretärin koordinierte hier die Arbeit der vielen Freiwilligen. Die zusammen mit dem WWF durchgeführte Aktion «Wanderweg – Wunderweg » brachte sechsstellige Einnahmen und neue Sympathisanten: Bis 1979 hatte die ARF 3500 Mitglieder, davon 500 aus der Romandie.

Glorioser Sieg

Bild: zvg

Die Abstimmungskampagne forderte nochmals alle Kräfte. Für ihre Leitung wurde Professor Bachmann von der ETH zeitweilig freigestellt. Er verfasste zahllose Reden und Presseartikel, und seine Frau Margrith besorgte den Versand der in ihrem Keller gelagerten gelben T-Shirts mit Propaganda-Aufdruck. Für professionelle Werber fehlte das Geld. «Ich wusste immer, dass wir gewinnen würden», sagt der Optimist Hans Ehrismann. Hugo Bachmann aber ersorgte eine Gegenkampagne, die zum Glück nicht stattfand.

Am 18. Februar 1979 nahm das Schweizer Volk den neuen Verfassungsartikel mit überwältigenden 77 Prozent Jastimmen an. Das ist bis heute der einzige Sieg in einer Verfassungsabstimmung, der ohne den Rückhalt einer politischen Partei und professioneller Lobbyisten gelang. Alle Stände nahmen an – ausser dem Wallis. «Das machte mich so wütend», erinnert sich Hans Ehrismann, «ausgerechnet ein Kanton, der vom Tourismus lebt!» Hugo Bachmann erklärt es mit dem bekannten Reflex des Bergkantons gegen Bundesbern.

Es hat sich gelohnt!

Trotzdem: Die Schweiz ist das einzige Land, das in seiner Verfassung die Fuss- und Wanderwege schützt. Jahrelange Anstrengung brauchte es aber nochmals, um zu verhindern, dass Bauernvertreter und Föderalisten das Anliegen bei seiner Umsetzung in ein Gesetz verwässerten. 1987 trat es in Kraft.

Und was hat der Kampf gebracht? «Viel!», sagt Hugo Bachmann, der zehn Jahre lang seine ganze Freizeit dafür eingesetzt hat, bis zur gesundheitlichen Erschöpfung. «Die breite Zustimmung zu unserem Anliegen markierte eine umweltpolitische Wende: von der kritiklosen Autobegeisterung zum Schutz der Menschen, die sich gerne zu Fuss fortbewegen.» Er räumt ein: «Die Umsetzung ist je nach Kanton unterschiedlich gut. Aber entscheidend ist der Mentalitätswandel der Behörden: Viele Kantone haben ihre Raumplanungs- und Baugesetze angepasst. Trotzdem braucht es immer noch Wachsamkeit. Wer schützt unsere menschengerechten Wege, wenn wir es nicht tun?!»

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