Was die Walliser nach Gsteig lockte

Mächtig thront das Spitzhorn am Horizont, auf dem Winterwanderweg über die Höij Wispile hat man den Berg stets im Blickfeld. Darunter zieht sich ein langer, kahler Bergrücken vom Lauenental bis zum Sanetschpass – die Walliser Wispile. Was haben die Walliser im Berner Oberland zu suchen?

Rémy Kappeler

Der Wanderer geht der Sonne entgegen, rundherum ein prächtiges Panorama. Ganz links im Bild ragt das Spitzhorn in den Himmel. Bild: natur-welten.ch

Die Walliser Wispile ist eine weitläufige Alp, aufgeteilt in die Hintere und Vordere Wispile. Hier sömmerten Walliser aus dem kleinen Dorf Savièse bei Sitten früher ihr Vieh, vereinzelt tun sie es heute noch. Über den Sanetschpass trieben sie in langen Reihen ihre Eringerkühe vor sich her, acht strenge Stunden zu Fuss. Die stämmigen Kühe meisterten den steinigen Weg mit sturer Ausdauer. Begleitet wurden sie nicht von ihren Bauern, sondern meist von dessen Frauen und Kindern. Die Väter arbeiteten in den Weinbergen und produzierten den süffigen Savièser Wein.

Am Küchentisch erinnern sich die Brands an die Zeit auf der Walliser Wispile. Bild: Sam Buchli

«Mit meinen zwei Kindern durfte ich einmal den Viehtrieb mitmachen. Das war ein Erlebnis», erzählt Ueli Brand, der zusammen mit seiner Frau Heidi während Jahrzehnten eine Alp mit einer einfachen Hütte auf der Hinteren Walliser Wispile gepachtet hatte. «Während die Frauen die Tiere auf der Alp hüteten, strickten sie Socken», erinnert sich die Bäuerin. Die Brands schlossen mit den Über den Bergrücken wandert es sich auf der Höji Wispile leicht. Wallisern manche Freundschaft, einige davon bestehen noch heute. «Unsere Kinder spielten viel mit den Savièser Kindern, sie lernten von ihnen die französische Sprache. » Oft sassen alle abends noch gemütlich zusammen in einer Alphütte: « Es war eine strenge, aber schöne Zeit.» Heidi und Ueli Brand führten einen kleinen Bauernbetrieb mit zwölf Kühen. Sie stellten Raclettekäse her und konnten die Laiber direkt den Wallisern verkaufen. «Sie kamen den Käse jeweils selber abholen und transportierten in ihre Heimat», sagt Ueli Brand. Auf dem Hinweg brachten sie jeweils den Wein ins Saanenland. «Das war im Dorf wohlbekannt. Manch ein Gsteiger Bauer machte sich am Sonntag auf zur Walliser Wispile», erzählt Ueli Brand.
Nicht selten blickten sie zu tief ins Glas, sie «jutzten und sangen», erinnert sich Ueli Brand «Meinem Grossonkel passierte es ab und zu, dass er erst am Montagmorgen  wieder zurück ins Dorf kehrte.»

Zu viel Vieh, zu wenig Land

Fotos von früher erinnern an Walliser Freundschaften. Bild: Sam Buchli

Wie die Walliser ins Saanenland gelangt sind, ist historisch nicht belegt. Mehrere Erklärungen sind im Dorf zu vernehmen. Eine davon besagt, dass eine Gruppe von Gsteigern während der Reformationszeit ins Wallis ausgewandert ist, um dem katholischen Glauben treu zu bleiben. Ihr Land aber behielten sie, war es doch so nahe dem Wallis gelegen. Diese These ist jedoch laut dem Savièser Historiker Luis Reynard unrealistisch, wie dieser im Buch «Gsteig - Feutersoey, früher und heute» zitiert wird: «Es ist belegt, dass das Land schon vor der Reformationszeit in Walliser Besitz war.» Auch die zweite Erklärung zweifelt er an: Die Savièser hätten den Saanern im 15. Jahrhundert Geld gegeben, mit dem sich diese vom unbeliebten Grafen von Greyerz loskaufen konnten. Im Gegenzug erhielten sie das Land. Am wahrscheinlichsten ist laut Raynard ein einfacher Landkauf: Weil die Savièser zu viel Vieh und zu wenig Land hatten, wichen sie auf die zu Fuss erreichbare Walliser Wispile aus. Der Bergzug mit einer kahlen Fläche war ideal, denn er war auch ohne Rodungsarbeiten als Weide nutzbar. Der Name Wispille heisst denn auch so viel wie «gute Weide».
Doch schon bevor die Ländereien in den Besitz der Greyerzer gelangten, war das Saanenland grösstenteils vom Wallis her besiedelt worden. In Forschungsergebnissen gibt es Hinweise darauf, dass das Saanenland im 13. wie anfangs des 14. Jahrhunderts grösstenteils in Walliser Feudalbesitz war. Um den Weg ins Wallis zu schützen, baute man Sperbernester genannte Wachttürme. Eine dieser kleinen Burgen Richtung Sanetschpass stand dort, wo das Dorf Gsteig heute liegt. Das Dorf wurde 1312 erstmals urkundlich erwähnt als «Chastalet» oder «Châtelet», also als kleines Kastell. Dieses ist heute noch auf dem Wappen der Gemeinde zur Hälfte zu sehen, neben dem halben Kranich der Greyerzer. Mit der Zeit baute man an das kleine Kastell eine Kapelle - sie war der Grundstein der heutigen Kirche.

Über den Bergrücken wandert es sich auf der Höji Wispile leicht. Bild: natur-welten.ch

Strenge Regeln

Lange Zeit lebten Gsteiger und Savièser Bauern auf der Walliser Wispile friedlich nebeneinander. Mehr und mehr konzentrierten sich die Savièser in den 1960er-Jahren dann aber aufs Keltern. «Sie verpachteten ihre Alpen und gaben ihre Kühe im Sommer den Pächtern in Obhut », erzählt Ueli Brand. Heute ist es nur noch ein Bauer, dessen Kühe auf der Wispile grasen. Dennoch ist das Land immer noch fest in der Hand der Walliser. 58 Landbesitzer teilen die so genannten Kuhrechte unter sich auf, die festlegten, ob der Besitzer eine Alphütte bauen und wie viele Kühe er halten darf - obwohl die wenigsten der heutigen Besitzer noch Kühe halten. Zumeist brauchen sie die Alphütten als Ferienhäuser. Immer noch aber herrschen strenge Regeln, was den Besitz angeht: Das Land muss an die nächste Generation vererbt werden. Wird es verkauft, dann nicht einfach an irgendjemanden, sondern nur an Bürger der Gemeinde Savièse.

Gemeinsames und Trennendes

Ankunft in Gsteig: Das Hotel Bären lädt zur Einkehr. Bild: Sam Buchli

Bis 1950 wurde die Nachbarschaft zwischen Bernern und Wallisern jedes Jahr mit einem Fest gefeiert, dem St. Joderfest. Es fand am Tag des heiligen Joders statt, des ersten Bischofs im Wallis und dort St. Theodul genannt. Am 15. August brachten die katholischen Walliser von ihren Alpen jeweils die «Jodernidle», die reformierten Gsteiger backten das «Joderbrot». Der Rahm wurde dann auf dem Dorfplatz in einem Bottich, dem «Joderbüchti», gesammelt und mit dem Brot gegessen. So gut es die Menschen untereinander auch hatten, der Sanetschpass blieb in einer Hinsicht unüberwindbar: Eine Liebe zwischen einem Gsteiger Bauer und einem Savièser Mädchen blieb unvorstellbar.
Bald brachten die Walliser aber statt Nidle Wein, und die Gsteiger sahen sich um ihren Anteil geprellt, wie es in besagtem Buch heisst. Das Fest wurde aufgegeben. Anstelle des Jodertags findet heute aber noch am letzten Samstag im September der Gsteig-Märet statt, wo Berner und Walliser sich gemeinsam vergnügen.
Nicht immer war die Beziehung der Walliser mit den Saanern aber so friedlich. Historiker haben auch herausgefunden, dass es Fehden gab unter ihnen. Einmal hatten die Walliser den Gsteigern Kühe entführt, worauf diese ihnen gefolgt waren. In der Nacht zogen sie den Kühen ihre Glocken aus und holten die Tiere zurück, während dem die Frauen mit den Glocken weiter bimmelten, als würden die Kühe friedlich weiden.
Von den guten und schlechten gemeinsamen Zeiten mit den Wallisern übrig geblieben ist auch die Joderglocke. Nach mündlicher Überlieferung ist sie ein Geschenk des Bischofs von Sitten an die Talschaft Gsteig – als Zeichen der Verbundenheit der Leute dies- und jenseits des Sanetschpasses. Heute hängt die kleine Glocke oben im Gebälk des Kirchenturms, zwischen Staub und Spinnweben. Ihr genaues Alter ist nicht bekannt, die lateinische Inschrift lässt aber vermuten, dass sie mehr als 550 Jahre alt ist und bei der Einweihung der Kirche 1453 hier her kam. Die Glocke zieren vier Figuren, die Symbole für die vier Evangelisten sind: Ein Stier für Lukas, ein Löwe für Markus, ein Adler für Johannes und ein Engel für Matthäus. Heute wird die Glocke nur noch einmal im Jahr von Hand geläutet – am Karfreitag.

Rätseln bei Hobelkäse und Wein

Savièser Wein, Gsteiger Hobelkäse und Trockenfleisch – das Wallis und das Berner Oberland passen auch kulinarisch gut zueinander. Bild: Sam Buchli

Das Zusammenleben ist bis heute immer rege geblieben, sagen Heidi und Ueli Brand. Auch wenn in jüngerer Vergangenheit die Projekte einer Verbindungsstrasse der Täler anlässlich des Baus des Stausees auf Walliser Seite des Sanetschpasses oder gar einer Verknüpfung der Montreux-Oberland-Bahn mit der Aigle-Diablerets-Bahn unrealisiert geblieben sind.
Zum Glück, sagt sich die Wandernden, die am Ende der Höij Wispile den steilen Abstieg in Angriff nehmen und schon nach wenigen Minuten in der Besenbeiz von Ösi Perreten einen Stopp einlegen. Den Savièserwein serviert der Pensionierte auf der sonnigen Terrasse, dazu einen Bergliteller mit hiesigen Bergkäse, Hobelkäse, Wurst und Trockenfleisch. Bei schönem Wetter packt Ösi seinen Rucksack voll mit lokalem Trockenfleisch und Wurst und schultert ihn hinauf auf das Satteleggli. «Solange ich noch gut zu Fuss bin, mach ich das, weil es mir einfach gut tut», erzählt er.

Die Wanderer danken es ihm. Mit vollem Magen blicken sie dann auf die Walliser Wispile und sinnieren darüber, was sich hier alles abgespielt haben könnte in der Vergangenheit. Ösi Perreten kann vieles erzählen über die Menschen, die Region, die Berge. Aber auch für ihn bleibt die Herkunft der Walliser am Ende ein ungelüftetes Geheimnis.

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