Kühle Kuppeln aus der Geschichte

Im unteren Puschlav geben kuppelförmige Bauten Rätsel auf. Sie sind einfach gebaut, doch in ihnen steckt grosse Ingenieurskunst. Auf kühler Entdeckungstour mit dem Talhistoriker Dario Monigatti und dem Bündner Wanderleiter Luigi Zala.

Daniel Fleuti

Wie hält man Lebensmittel frisch und kühl? Ganz einfach: Man kauft einen Kühlschrank, schliesst ihn am Strom an, fertig. Was heute selbstverständlich ist, stellte die Menschen vor nicht allzu langer Zeit vor eine Herausforderung. Der Kühlschrank wurde zwar Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden, doch bis in die 1960er- Jahre war er für durchschnittliche Haushalte ein Luxusgut und für Bergbauern schlicht unerschwinglich Im Puschlav behalfen sich die Menschen mit einer einfachen und genialen Konstruktion, dem Crot. Auf den ersten Blick sieht ein Crot aus wie ein Iglu aus Stein. Betritt man die eigenartige Konstruktion durch die niedere Holztür, findet man sich in einem kuppelförmigen, fensterlosen Raum wieder. Die Temperatur ist angenehm kühl, die Luft erstaunlich frisch. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie hier einst Lebensmittel aufbewahrt wurden. Steinerne Kühlkammern dieser Bauart gibt es in der Schweiz nur im Puschlav. Dafür sind sie im Bündner Südtal reichlich vertreten. Die meisten Crot – etwa 200 – stehen in der Gegend von Brusio. Hierhin lädt Wanderleiter Luigi Zala zur kulturhistorischen Entdeckungstour. Bevor es in Miralago am Südende des Lago di Poschiavo losgeht, gibt Talhistoriker Dario Monigatti einen Einblick ins Thema. «Etwas Theorie muss sein, um die Crot zu verstehen», scherzt Wanderleiter Zala. Dario Monigatti befasst sich seit Jahren mit Kragkuppelbauten, wie die Crot in der Fachsprache heissen. Ihn faszinieren vor allem deren unbekannte Herkunft sowie die Bauweise.

Einfach, aber stabil

Mit Wanderleiter Luigi Zala in den Crot.

1987, damals noch Lehrer in Brusio, macht sich Dario Monigatti mit seiner Sekundarschulklasse an die Erforschung der Crot und findet heraus: Die Crot sind ein eindrückliches Zeugnis für Ingenieurskunst mit einfachsten Mitteln. «Ähnliche Konstruktionen wurden im Mittelmeerraum und auf den Britischen Inseln gefunden. Unsere Crot gleichen am ehesten jenen in den italienischen Abruzzen», sagt er. Päpstliche Truppen könnten im 17. Jahrhundert die Bauweise ins Veltlin gebracht haben, von wo aus sie ins benachbarte Puschlav gelangte. Gebaut ist der Crot nach dem Prinzip des falschen Bogens. Als Baumaterial dienten unterschiedlich grosse Steine, die man in der Umgebung fand. Auf ein Fundament aus Erde legte der Baumeister zwei Ringe aus Stein, einen äusseren und einen inneren, sodass eine doppelte Wand entstand. Auf diesen ersten Steinring folgten die nächsten, wobei bei jedem weiteren Ring der Durchmesser etwas verkleinert wurde. So wuchs der Crot in die Höhe und erhielt die Form einer Kuppel. Eine waagrecht liegende Steinplatte schloss den Bau gegen oben ab. Als Hilfsmittel bei der Errichtung dienten einzig ein Holzpfahl und eine Schnur. Der Pfahl wurde in die Mitte des Crot gesteckt, die Schnur gab den Radius für die exakte Ausführung der Steinringe vor. Mit jedem Ring wurde sie einfach etwas verkürzt. «Die doppelwandige Bauweise ist durchdacht. Die Steine des äusseren und des inneren Rings wurden so gekippt, dass das Regenwasser dazwischen ablaufen konnte, ohne ins Innere des Crot zu dringen», erklärt Dario Monigatti. Zudem gab der äussere Ring der Konstruktion Stabilität. «Mörtel oder andere Bindemittel brauchte man keine, der Bau hielt.» Und wie.

Dicke Mauern, solide Türen

Talhistoriker Dario Monigatti mit der Crot-Briefmarke.

Dario Monigatti geht davon aus, dass einzelne Crot aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammen. Wind und Wetter hätten an den Aussenseiten zwar deutliche Spuren hinterlassen, im Innern sei aber alles intakt. Dazu trägt auch die solide Konstruktion bei, die Wände eines Crot sind bis zu eineinhalb Meter dick. Beachtlich sind auch dessen Ausmasse. Der Innenraum weist im Durchschnitt einen Durchmesser von zweieinhalb Metern und eine Höhe von zwei Metern auf. Man kann also problemlos darin stehen. Einzig bei der Türe heisst es den Kopf einziehen. 60 bis 70 Zentimeter Breite und ein Meter Höhe müssen reichen, schliesslich soll beim Betreten des Crot nicht zu viel Wärme eindringen. Gefertigt sind die Türen aus Lärche oder Kastanie – beides einheimische Hölzer, die feuchtigkeitsbeständig und langlebig sind. «Auf eurer Wanderung von Miralago über Golbia nach Brusio und zurück nach Miralago werdet ihr verschiedenen Crot begegnen», sagt Monigatti. Auf dem Maiensäss Golbia Sur zum Beispiel stehen noch ursprüngliche, nicht restaurierte Modelle, die in den Hang gebaut und bis zur Hälfte mit Erde überdeckt sind. Dies sorgte für die zur Milchlagerung gewünschte Temperatur. «Die Bauern auf den Maiensässen konnten so die Milch frisch halten, bevor sie in die Käsereien im Tal gelangte.» In Ginetto wiederum, auf dem Rückweg von Brusio nach Miralago, stehen zwei schön restaurierte Crot, die direkt über dem Bach errichtet sind. «Das Wasser unterstützte die Kühlung ebenfalls, entsprechend beliebt waren solche Standorte», sagt Monigatti. Der Höhepunkt indes wartet beim berühmten Kreisviadukt der Rhätischen Bahn in Brusio auf: Eine Ansammlung von neun Crot, vor einigen Jahren von Grund auf saniert und bis heute von den Besitzern liebevoll gepflegt. «Sie stehen, wie viele Crot im Talboden, auf trockenem Boden. Hier wurde Gemüse, Früchte, Wein, Fleisch und Käse aufbewahrt.» Die Lagerung funktionierte übrigens bestens. In einem Crot ist es stets vier bis fünf Grad kühl, bei einer Luftfeuchte von 60 Prozent.

Das Kreisviadukt von Brusio und die Rhätische Bahn. Gleich daneben stehen die neun sanierten Crot.

Dem Erbe Sorge tragen

Nicht nur Dario Monigatti, auch Luigi Zala haben es die Crot angetan. «Die urtümlichen Bauten, ihre Funktion und die durchdachte Konstruktion faszinieren mich. Die Crot stehen für ein Stück Puschlaver Kultur. Sie machen unser Tal einzigartig und sind ein Erbe, dem wir Sorge tragen müssen », sagt er während des Aufstiegs zu den Maiensässen von Golbia Sur. Lokalhistoriker Monigatti ist es zu verdanken, dass Puschlavs Kulturerbe vor einigen Jahren eine Renaissance erlebte. Die Kulturstiftung Pro Patria und der Landschaftsschutz Schweiz begannen sich für die Crot zu interessieren, ein spezielles Programm ermöglichte die Sanierung zahlreicher Bauten. Die Mittel stammten teils aus einer Sondermarke, die Pro Patria 2012 lancierte. Auf Golbia Sur gibt es, wie von Dario Monigatti angekündigt, das traditionelle und teilweise in den Hang gebaute Crot-Modell zu bestaunen – nebst einer gelungen restaurierten Variante, die direkt neben einem stattlichen Maiensäss steht. Die Landwirtschaft habe im Puschlav immer noch grosse Bedeutung, erzählt Zala. Auf dem Land um die Maiensässe werden wie einst Tiere gesömmert. Die Maiensässe selbst hingegen dienen vielfach als Ferienhäuser, wobei die meisten in der Hand der Einheimischen geblieben sind. «Rückgrat des Tals sind indes die Kraftwerksbetriebe und die Rhätische Bahn», sagt Zala. Und in Brusio wird mit Wein und Früchten gehandelt.» Fürs Picknick bringt der Wanderleiter aber etwas anderes mit: selbst geröstete Kastanien, einheimischen Käse und Brasciadela, Puschlaver Roggenbrot mit Anis. «Die Kastanie wurde lange vernachlässigt. Gleich wie die Crot hat sie aber eine Renaissance erlebt und wird wieder rege kultiviert. Das Kastanienfest in Brusio von Mitte Oktober ist heute eines unserer schönsten Volksfeste.» Zum Dorf selbst hat Luigi Zala ein enges Verhältnis. Seine Frau Alessandra stammt aus Brusio, er ist aus Poschiavo. «Die Gemeinden kooperieren in verschiedenen Belangen eng, ein Zusammenschluss wäre aber politisch noch schwer durchzusetzen.»

So sehen die steinernen Kühlschränke von nah aus.

Wandervorschlag zum Artikel

Bergwanderung

Miralago > Miralago   8.7 km | 2 h 50

Die Rhätische Bahn wirbt landauf, landab mit dem Kreisviadukt bei Brusio für das Puschlav. Weniger bekannt ist das kulturelle Erbe der Crot, einer Besonderheit des Puschlavs. Die kuppelförmigen Steinbauten dienten der Lagerung von Milch und Gemüse. Rund um Brusio sind etwa 200....