Warum im Frühling der Winter rutscht

Blühen im Frühling die ersten Blumen unten im Tal, so herrscht oben in den Bergen noch immer Winter – und Lawinengefahr. Das Lawinenbulletin hilft Wintersportlern, sich vor der weissen Gefahr zu schützen. Ein Blick ins WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, wo das Bulletin entsteht. Tag für Tag zwei Mal.

Daniel Fleuti

Bereits kleine Lawinen können gefährlich sein – zum Beispiel eine Gleitschneelawine. Bild: Mallaun Photography

Davos, Anfang April. Stahlblauer Himmel, angenehme Temperaturen, ein perfekter Tag für eine Frühjahrs-Winterwanderung. Auf der Ischalp, der Mittelstation der Luftseilbahn aufs Jakobshorn, geht es los. Der präparierte und mit pinkfarbenen Stangen gut markierte Weg zur Clavadeleralp führt immer dem Hang entlang, mal durch struppigen Wald, mal über verschneite Alpweiden. Einmal quert er ein Tobel. Von den Bäumen fällt Schnee, den die Sonne zum Schmelzen bringt, im offenen Gelände ist die weisse Decke weich und sulzig. Wie man nun so stapft durch diese Winterwelt, gehen mit einem Mal Fragen durch den Kopf: «Wie war das schon wieder mit den Lawinen? Herrscht heute Lawinengefahr? Hätte ich mich informieren müssen?»

Pro Jahr 300 Lawinenbulletins

Antworten zu diesen Fragen gibt es in Davos, am Institut für Schnee- und Lawinenforschung, kurz SLF. Als Teil der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL gehört es zur ETH und betreibt auch Forschung. Besser bekannt aber sind die Dienstleitungen des SLF für die Öffentlichkeit. Die wichtigste ist das Lawinenbulletin. Es erscheint von Dezember bis April zwei Mal pro Tag und gibt Auskunft zur Lawinensituation in den Schweizer Alpen und im Schweizer Jura. Zu den übrigen Zeiten wird ein Bulletin erstellt, wenn es bis zur Waldgrenze schneit. Über den Daumen gepeilt macht das 300 Berichte pro Jahr. Ist die Lawinengefahr so hoch hierzulande? «Solange Schnee liegt, herrscht Lawinengefahr. Mal ist sie höher, mal geringer, aber sie ist immer vorhanden», erklärt Christine Pielmeier, eine von sieben Lawinenwarnern am SLF. Um ihre Aussage zu verstehen, ist ein Blick in die Schneedecke nötig. Schnee ist kein einheitliches Gebilde, sondern setzt sich – einer Cremeschnitte ähnlich – aus Schichten zusammen. Die einen sind dünn, andere mächtiger, sie können trocken, nass, grobkörnig, feinstrukturiert, gefroren, regelmässig oder unterbrochen sein. Der schichtartige Aufbau ist im Gang des Wetters begründet. Schneit es, entsteht eine Schneeschicht. Bläst der Wind, verfrachtet er Schnee und bildet so ebenfalls neue Schneeschichten. Fällt Regen, wird aus dem pulvrigen Weiss eine nasse Pappe und damit wieder eine Schicht. Gefriert der nasse Schnee, entstehen Eiskrusten, die beim nächsten Schneefall als Schicht in die Schneedecke eingelagert werden.

Ein «kleines» Schneebrett reicht

Im Warnraum des SLF, wo Christine Pielmeier und ihre Kollegen das Lawinenbulletin erstellen. Bild: Stefan Margreth SLF

«Die Schneedecke wandelt sich dauernd, und jede Schicht hat ihre Eigenschaften. Passen diese gut zusammen und können sie sich verbinden, dann ist die Schneedecke stabil. Sind die Schichten aber zu unterschiedlich, so entstehen in der Schneedecke schwache Stellen, die für die Lawinenbildung entscheidend sein können », sagt Pielmeier. Denn eine Lawine ist nichts anderes als Schneeschichten, die sich nicht verbunden haben und darum abgleiten. Für dieses Abgleiten braucht das Gelände eine gewisse Neigung. Bei trockenem Schnee sind mehr als rund 30 Grad nötig, bei sehr nassem Schnee reichen bereits 25 Grad. Im flachen Gelände können keine Lawinen abgehen. Gemeinhin denkt man bei einer Lawine an grosse Schneemassen, die Strassen verschütten und Häuser zerstören. Die Lawine jedoch, die dem Wintersportler gefährlich werden kann, ist verhältnismässig klein. «Ein Schneebrett von 50 Metern Breite, 100 Metern Länge und einem halben Meter Tiefe reicht, um einen Menschen zu verschütten und tödlich zu verletzen », erklärt Pielmeier.

Bedarfsgerechte Information

Das Lawinenbulletin des SLF soll helfen, dass es nicht so weit kommt. Es ist so aufgebaut, dass der Nutzer zuerst die wichtigsten Informationen erhält und sich dann, je nach Bedürfnis, fundierter mit der Materie beschäftigen kann. Kernelement des Bulletins ist die Gefahrenstufe. Sie besagt, ob die Lawinengefahr gering, mässig, erheblich, gross oder sehr gross ist. «Wichtig zu wissen ist, dass die Gefahr von Stufe zu Stufe kontinuierlich und exponentiell zunimmt. Bei «erheblich» kann es also bis zu vier Mal gefährlicher sein als bei «mässig» – wir sprechen dann von einer kritischen Situation. Wer jetzt auf Tour geht, muss Erfahrung in der Lawinenbeurteilung mitbringen. Ungeübte bleiben bei «erheblich» besser im flachen oder gesicherten Gelände.» Die Gefahrenstufe «erheblich» herrscht an rund 35 Prozent der Wintertage, «mässig» an 44 Prozent und «gering» an 20 Prozent. Die Stufe «gross» wird nur wenige Male erreicht. Eine Gefahrenstufe gilt stets für ein bestimmtes Gebiet. Sie wird, dem Gang des Wetters und den Veränderungen in der Schneedecke folgend, von Tag zu Tag neu festgelegt. 138 Teilgebiete im Schweizer Alpenraum und im Jura könnte das SLF theoretisch mit einer eigenen Gefahrenstufe belegen. Da dies wenig Sinn macht, werden jeweils drei bis fünf grössere Gebiete definiert, die aktuell eine ähnliche Lawinensituation aufweisen. Betrachtet man ein solches Gefahrengebiet näher, stösst man als Nächstes auf die sogenannten Gefahrenstellen. «An schattigen Nordhängen ist die Schneedecke in der Regel labiler als am Sonnenhang. Und je höher man geht, desto fragiler wird das Schichtengefüge. Mit den Gefahrenstellen legen wir fest, an welchen Expositionen und ab welcher Höhe wir die am meisten gefährdeten Geländeteile erwarten», erklärt Pielmeier. Für alle, die es noch genauer wissen wollen, folgen im Bulletin Details zur Lawinenlage, Verhaltensempfehlungen, Informationen zu Wetter und Schneedecke und eine Reihe Messwerte von Schneehöhen über Angaben zu Wind und Temperatur bis hin zu Schneeprofilen für ausgewählte Orte.

Zwei Mal viersprachig

Grösse und Beschaffenheit der Schneekristalle in den Schneeschichten geben Auskunft über die Stabilität der Schneedecke. Bild: D. Fleuti

Zwei Mal pro Tag ein solch detailliertes Bulletin zu erstellen, bedingt standardisierte Abläufe und ein eingespieltes Team. Im Dienst sind jeweils drei Lawinenwarner. Ihr Tag beginnt mit der Auswertung unzähliger Informationen zum Wetter, zur Schneesituation und zur aktuellen Lawinentätigkeit. Sie stammen von 180 Beobachtern, Bergführern und Sicherheitsdiensten und von 160 ebenso gut verteilten Schnee- und Wetterstationen. Dazu kommen Rückmeldungen von Tourengängern. Aus dieser Datenflut und zusammen mit den Wetterprognosen erstellen die Warner eine Prognose zur Lawinensituation für den Folgetag. Um 15 Uhr wird der erste Entwurf besprochen, um 17 Uhr muss das Bulletin in vier Sprachen das Haus verlassen. Publiziert wird es über die Website www.slf.ch und die App Whiterisk, zudem geben die Warner im Radio Auskunft. Wintersportler, Betreiber von Skigebieten, Strassen- und Sicherheitsdienste von Gemeinden, Tourenleitern, Bergführern sowie Bergbauern vertrauen darauf, dass die Informationen rechtzeitig kommen. Am darauffolgenden Morgen wird das Bulletin um die Entwicklungen der Nacht ergänzt, angepasst und pünktlich um 8 Uhr erneut in vier Sprachen publiziert.

Sich bei Trails erkundigen

Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos gibt Einblick in die Welt von Schnee, Lawinen, Naturgefahren und Ökosystemen im Gebirge. In einer interaktiven Ausstellung lassen sich die Fachgebiete spielerisch und experimentierend erforschen. Zudem gibt es Führungen. www.slf.ch

Zurück zu unserer Frühlings-Winterwanderung. «Im Frühling sind die Gefahren anders als im Hochwinter», sagt Christine Pielmeier. «Nach klaren Nächten ist am Morgen die Schneedecke gefroren und gut tragfähig, im Tagesverlauf weicht sie auf. Ist die Sonneneinstrahlung hoch, kann der nasse Schnee ins Rutschen geraten. Vorboten sind die wie Fischmäuler aussehenden Risse in der Schneedecke. » Ebenfalls heikel sei Regen. Er macht den Schnee schwer und schwächt seine Schichten. «Im Frühling bricht man, nach einer klaren Nacht, am besten frühmorgens auf zur Tour und ist gegen Mittag zurück.» Und wie war es um unsere Sicherheit auf der Winterwanderung zur Clavadeleralp bestimmt? Christine Pielmeier empfiehlt, sich bei markierten Winterwanderwegen und Schneeschuhtrails stets zu erkundigen, ob die Route geöffnet ist und durch lawinengefährdetes Gebiet führt. «Ist ein Trail nur markiert, aber nicht ständig gesichert, muss man die Lawinensituation selber einschätzen und sich nötigenfalls mit einer Lawinenausrüstung ausstatten. Das Wissen dazu gibt es in einem Lawinenkurs.» Bei Winterwanderwegen kann man davon ausgehen, dass sie lawinensicher sind, wenn die Verantwortlichen sie präpariert haben. Unser Wanderweg war geöffnet und freigegeben – also alles im grünen Bereich.

Weitere Informationen

Dieser Artikel erscheint im Magazin WANDERN.CH 1/2018.

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