Hartes Wasser, gefrorene Zeit

Steinhart und trotzdem fragil: Eis ist eine ungewöhnliche Substanz. Wenn die Bedingungen stimmen, formt es zauberhafte Strukturen. Wer der vergänglichen Pracht mit der Kamera begegnet, kann unverhoffte Glücksmomente erleben.

Andreas Staeger, Photos: Franz Müller

Strenge Kälte, kein Sonnenlicht: perfekte Bedingungen für ein eisiges Schauspiel im Klein Melchtal.

Im Tal der Kleinen Melchaa herrscht klirrende Kälte. Seit Tagen liegen die Temperaturen tief unter dem Gefrierpunkt. Kein Sonnenstrahl dringt bis auf den Grund der Schlucht. Trotzdem glitzert und funkelt es an den Felswänden: Lange Zapfen, dicke Wülste und mächtige Türme aus Eis verwandeln das Tal in eine märchenhafte Welt. Franz Müller stockt der Atem angesichts der bizarr geformten Eisskulpturen. Er lebt im nahen Giswil und sucht die Schlucht regelmässig auf. Als leidenschaftlicher Fotograf ist er immer wieder auf der Suche nach aussergewöhnlich stimmungsvollen Momenten draussen in der Landschaft.

Erstarrte Landschaft

In der Melchaaschlucht ist er schon mehrmals fündig geworden, doch die Atmosphäre, die er an diesem Wintertag erlebt, ist einzigartig. Als «klirrend kalte Klarheit in einer erstarrten Landschaft» beschreibt er sie im Rückblick. Zum Glück hat er seine Kamera dabei. Er beginnt zu fotografieren, schiesst Bild um Bild, friert sich wegen der beissenden Kälte fast die Finger ab und kann doch nicht aufhören – das Spiel des Lichts in der grandiosen Eislandschaft ist überwältigend. Einige Jahre sind vergangen seit diesem ungewöhnlichen Moment, doch Franz Müller erinnert sich noch immer lebhaft daran. In der Zwischenzeit war er schon öfters wieder in der Schlucht, auch im Winter. Zwar kam die Eisbildung gerade in den letzten beiden Jahren nicht so recht auf Touren, doch den naturbegeisterten Fotografen stört dies kaum. «Die Schlucht der Kleinen Melchaa ist so oder so ein sehr spezieller Ort», erklärt er. Dass sich in dieser geringen Höhenlage solch grosse Eismengen bilden, sei jedenfalls sehr ungewöhnlich.

Das Spektakel ist an eine wichtige Voraussetzung geknüpft, die im Melchaatal optimal erfüllt wird: Es braucht reichlich zufliessendes Wasser. «Wenn man dort im Sommer durchgeht, sieht und hört man es überall tropfen», weiss Müller. Die zweite Bedingung ist wetterabhängig: «Es muss mehrere Tage oder gar Wochen richtig kalt sein.» Denn nur so kann das herabtropfende Wasser an den Hängen dicke Eisschichten bilden.

Bei Tauwetter tabu

Müller stuft die winterliche Wanderung in die Schlucht als sehr empfehlenswertes Erlebnis ein, sofern man einige Grundsätze beachtet. «Es ist dort sehr kalt, man muss sich also unbedingt richtig warm anziehen.» Eis könne sich nicht nur an den Hängen bilden, sondern auch am Boden – man müsse also aufpassen, um nicht auszurutschen oder gar in den Bach zu stürzen. Wenn Tauwetter eintritt, dann sollte man sich von der Schlucht fernhalten, da sich grosse Eisblöcke von den Wänden lösen und auf den Weg stürzen können. Müller empfiehlt deshalb Besuchern, die von auswärts anreisen, sich vorgängig bei Giswil-Mörlialp Tourismus nach den aktuellen Verhältnissen in der Schlucht zu erkundigen. Dann erfahre man auch gleich, ob es dort überhaupt schon (oder noch) Eis habe. Es ist nicht zuletzt das Wissen um die Vergänglichkeit der glitzernden Pracht, die Franz Müller fasziniert: «Ein paar Tage mildes Wetter genügen, um all diese filigranen Strukturen zum Verschwinden zu bringen», sagt er.

Leidenschaft Eis

Wasser begleitet den Wanderer im Melchaatal auf Schritt und Tritt.

Diese Haltung verbindet Müller mit einem anderen Menschen, der mit grosser Leidenschaft Eis fotografiert: Der Berner Fotograf Bernd Nicolaisen spürt den Lichtverhältnissen in isländischen Gletschern nach. Seit Jahren durchmisst er jeweils im Spätwinter mit einem Bergführer die Weiten der dünn besiedelten Insel im Nordatlantik. Am Rande gewaltiger Gletscher hält er Ausschau nach einem speziellen Naturphänomen: Schmelzwasser, Sonne und Kälte können im Eis begehbare Höhlen entstehen lassen, in denen eigentümliche Lichtverhältnisse herrschen. Seine Sternstunde erlebte Nicolaisen im Winter 2009: Stundenlang war er mit seiner schweren Fotoausrüstung erfolglos durch die weisse Einöde marschiert, als er im Falljökull-Gletscher auf eine einmalige Konstellation stiess: Unmittelbar unter der Oberfläche des Eisstroms hatte sich ein langer, begehbarer Eistunnel gebildet. Im Sommer des Vorjahres hatte Schmelzwasser dort eine senkrechte Röhre ins Eis gefressen, die im Herbst in die Waagrechte gekippt war. Auf der Aussenseite war der Hohlraum von einer bloss meterdicken Eiswand begrenzt. Die Lichtbedingungen im Tunnelinneren waren deshalb geradezu magisch.

Feuer im Gletscher

Viel fliessendes Wasser und Kälte.

Dem Eis war Nicolaisen damals schon mehrere Jahre lang mit der Kamera auf der Spur – anfänglich in der Schweiz: In Zermatt stieg er ins Gletschertor des Theodul- und des Gornergletschers und begann dort, die schimmernden Eisstrukturen fotografisch zu erfassen. Doch dann entdeckte er im Internet das Bild eines Eiskletterers auf einem isländischen Gletscher. Die Amateuraufnahme wirkte auf ihn wie ein Hammerschlag: Sie zeigte Eis von einer einzigartigen Farbigkeit und Transparenz. Die isländischen Gletscher haben eine weltweit einzigartige Eigenschaft: Sie bergen Feuer in sich, enthalten sie doch feine Einschlüsse von Lava aus Vulkanausbrüchen. Während das Eis der Alpengletscher aufgrund von Sedimentbeimischungen durchwegs einen milchigen Ton aufweist, ist isländisches Gletschereis kristallklar, mehr noch: Die Lavapartikel verleihen ihm eine geradezu dreidimensional wirkende Plastizität. Seither sucht der Berner Fotograf immer wieder die fantastische Eiswelt Islands auf, um dem aussergewöhnlichen Glanz von jahrhundertealtem Gletschereis nachzuspüren – mit einer massigen Grosskamera, deren ausgefeilte Optik höchste Licht- und Detailtreue ermöglicht. In feuchter Kälte und dämmrigem Licht wartet er oft stundenlang, bis er passende Strukturen entdeckt, den angemessenen Bildausschnitt findet und bis sich das perfekte Licht einstellt. Ob es auf Dauer nicht langweilig ist, tagelang in Gletscherhöhlen zu stehen und nach Eisornamenten zu suchen, die sich im Grunde genommen ähneln? «Auf den ersten Blick vielleicht schon», antwortet er. Doch die isländischen Gletscher hätten ihm die Augen geöffnet für monumentale Bilder.

Vergänglichkeit des Ewigen

Ein paar Tage mildes Wetter und die Strukturen sind verschwunden.

Mit seinen Fotografien thematisiert Nicolaisen vordergründig die Beständigkeit der Natur. Eis verkörpert eine einfache Wahrheit. Es ist hart, stabil, wird mit Zeitlosigkeit assoziiert. Und dennoch ist es, wie alles, dem Wandel unterworfen. Gletscher fliessen – selbst wenn sie ihre äussere Gestalt beibehalten, ist ihre innere Struktur einer ständigen Metamorphose unterworfen. Im Zeichen des Klimawandels ist zudem klar geworden, dass ihre scheinbar kräftige Substanz fragil ist; das Eis der Gletscher wird von Jahr zu Jahr dünner. Nicolaisen vertritt jedoch keine ökologisch-politische Botschaft. Er thematisiert einfach die Verletzlichkeit der Welt. Die im Eis eingeschlossenen Lavaspuren zeugen von gewaltigen Schöpfungs- und Zerstörungskräften. Die Schönheit, die seine Bilder zeigen, ist einmalig und unwiederbringlich. Sämtliche Konstellationen von Eis und Licht, die er in der Schweiz und in Island festgehalten hat, sind längst wieder vergangen – verdunstet und aufgelöst in der nächsten Sommersonne. Dieses Schicksal teilen sie mit den faszinierenden Eiswänden, die sich jeweils in klirrend kalten Winterwochen in der Schlucht der Kleinen Melchaa bilden.

Weitere Informationen

www.berndnicolaisen.com

www.magazin-wandern.ch