Heinzelmänner des Winters

Damit die Wanderer im Winter nicht durch den tiefen Schnee stapfen müssen, packen Paul Gruber in Grächen und Patrik Emmenegger in Engelberg kräftig an. Frühmorgens stehen sie bereits im Einsatz – mit Schneefräse, Schaufel und Sägemehl.

Markus Ruff, Rémy Kappeler

Mal schneit es, mal sind die Wege vereist: Die Arbeit von Patrik Emmenegger in Engelberg ist jeden Tag anders. Bild: Markus Ruff

«Magische Momente» erlebt Paul Gruber frühmorgens beim Schneeräumen in Grächen. Bild: Rémy Kappeler

Paul Gruber ist ein tüchtiger Winterwanderer. Aber kein gewöhnlicher, denn er wandert beruflich. Wenn es schneit, steht er um fünf Uhr mit Stirnlampe ausgerüstet im Wald. Wohlwissend, dass er an diesem Tag etwa 38 Kilometer zurücklegen wird: acht zu Fuss, den Rest mit dem Schneetöff. Paul Gruber ist in dem Walliser Dorf der Mann fürs Wandern, sommers wie winters. Fallen die Flocken, schnallt er sich die Schneeschuhe an, schultert die Schaufel. Erst steht der Weg nach Gasenried an, alles der Binerisuone entlang. Diese ist allerdings im Winter nicht zu sehen, auch dafür sorgt der Wegmeister. Bereits im Herbst hat er die grössten Hindernisse mit Brettern zugedeckt. Nun, im Winter, füllt er die Kännel wo nötig noch mit Schnee, damit niemand stolpert oder sich den Fuss verknackst. «Ich bin etwa zwei Stunden unterwegs und danach ein erstes Mal erschöpft», erklärt der gebürtige Grächer. Ist auch kein Wunder, denn er drückt mit den Schneeschuhen den Neuschnee platt, macht kleine Schritte, rechts, links, rechts, links. Auf dem Rückweg tut er dasselbe, nur gegengleich. Und sorgt damit, dass die Spur durchgehend und genug breit ist. Gibt es Unebenheiten, gleicht er sie mit der Schaufel aus. Ist zu viel Schnee auf dem Weg, räumt er ihn weg. Stehen Bänke metertief im Schnee, gräbt er sie aus und bürstet sie sauber. Alles von Hand.

«Kein Tag gleicht dem anderen»

Pfeilschnell schleudert das Fahrzeug von Patrik Emmenegger den Schnee vom Weg. Bild: Markus Ruff

In Engelberg hat auch Wegmeister Patrik Emmenegger alle Hände voll zu tun. In der Nacht hat es geschneit, und deshalb beginnt sein Arbeitstag etwas früher. Die Tannen tragen satte, weisse Polster, die pinkigen Wegweiser der Winterwanderwege sind bepudert mit einer dünnen Schneeschicht. Emmenegger fährt mit dem Schmalspurfahrzeug durch eine kleine Allee. Der Motor der Fräse surrt leise, vorne klappert ein Metallschutzblech, das Radio dudelt. Wie eine grosse Fratze schaut der Metallkamin vor der Windschutzscheibe ins Land. Schnee schiesst aus ihm heraus und bildet eine Wolke, die sich langsam wieder legt. Scheibenwischer schieben Schneeflocken zur Seite. Emmenegger hat eine Hand am Lenkrad, die andere am Joystick - damit steuert er die Fräse. Das Fahrzeug passt genau durch die 1,6 Meter breite Schneise: Damit es vorbeikommt, müssen eine Spaziergängerin und ihr Hund einen Schritt in den Tiefschnee machen. In Engelberg sind sie zu dritt, die jahraus jahrein die Wanderwege pflegen. Im Winter betreuen sie jene im Tal, für jene oberhalb der Waldgrenze sind die Bergbahnen und die Bergrestaurants zuständig. «Im Gegensatz zu Sommerwegen müssen jene im Winter täglich gepflegt werden», erklärt er. Wind und Schnee machen seine Arbeit abwechslungsreich: «Es gibt keinen Tag, der gleich ist wie der andere.»

Zugeschneit, bald wieder befreit, und morgen vielleicht schon wieder unter einer Schneedecke. Paul Gruber packt an – für Komfort und Sicherheit der Wanderer. Bilder: Rémy Kappeler

Nach und nach sind alle bereit

Auch in Grächen nehmen die ersten Hündeler den geräumten Weg dankbar in Beschlag. Paul Gruber steckt seine Schaufel in ein extra montiertes Rohr am Schneetöff, steigt auf und startet den Motor. Im Dorf erwacht der Tourismus erst langsam. Gruber fährt im Schritttempo, alles im ersten Gang. «Ich muss mit Gefühl und Liebe fahren», erklärt er. Warum, das zeigt sich schon bei der nächsten engen Kurve: Der Töff kann den Radius nicht fahren. Gruber steigt ab, stapft durch den Tiefschnee und hebt den Töff vorne am Gleiter an. Er schiebt das Vorderteil etwas zur Seite, wieder in Fahrtrichtung, und steigt auf. Es ist acht Uhr, Gruber nimmt sein Funkgerät und damit Kontakt mit dem Tourismusbüro auf. Er meldet, welche Winterwanderwege geräumt sind. Dies wird er im Laufe des Tages immer wieder tun. So bleiben die Informationen auf der Website aktuell. Und nicht zuletzt dient das Funkgerät der Sicherheit. Paul Gruber ist alleine unterwegs. Sollte ihm etwas passieren, wäre er ohne Funkgerät aufgeschmissen. Patrik Emmenegger hat derweil seine Runde mit der Schneefräse im Engelbergertal beendet und kehrt zum Werkhof zurück. Er rüstet das rund fünf Tonnen schwere Fahrzeug um, löst geschickt Hydraulikschläuche und Schrauben. Dann wechselt er die Fräse mit dem Kratzer aus. Nun fährt er diejenigen Wege ab, die vereist sind. Die spitzigen Metallzacken ritzen die glatte Oberfläche des Eises auf. Ein Streuer hinten am Fahrzeug spuckt kreisförmig Kieselsteine aus. Vor allem im Spätwinter, wenn tagsüber die Temperaturen über Null steigen und das Wasser in der Nacht wieder gefriert, muss er täglich mit dem Kratzer raus. «All diese Arbeiten ersetzen aber nicht feste Schuhe mit griffiger Sohle oder gar Spikes. Oder auch Stöcke », erklärt Emmenegger. Bald wird der Weg aber steil. Zu steil für das Fahrzeug. Emmenegger stellt den Motor ab, steigt aus, schultert einen Sack Sägemehl und läuft los. Jetzt sind die abgelegenen Stellen dran: Er bestreut sie mit Sägemehl, eine Handvoll nach der anderen. Eine gelbe Spur bleibt zurück. «Auf Sägemehl haben die Wanderschuhe guten Halt. Zudem sinkt es nicht in den Schnee ab, so wie der Kies es tut», erklärt er. Praktisch ist auch, dass die Wegmacher das Naturprodukt im Frühling einfach liegen lassen können. Bald darauf erreicht Emmenegger wieder eine flache Partie. Der Weg wird hier von einem Meter zum anderen mehr als doppelt so breit. «Ab hier übernehmen die Pistenmacher des Skigebiets das Präparieren.»

Der Winter ist pink: Wegweiser bei Schlegi. An abgelegenen Stellen streut Patrik Emmenegger Sägemehl. Bilder: Markus Ruff

Einzelrouten, kein Netz

Neben Skipisten, Langlaufloipen, Schlittelwegen und Schneeschuhrouten gehören Winterwanderwege heute zum Angebot, das für einen Wintersportort ein Muss ist. Sie sind pink markiert. Das bedeutet für den Gast: Sie haben eine präparierte Gehfläche, stellen keine besonderen Anforderungen an den Wanderer, führen nicht durch gefährliche Gebiete wie etwa lawinengefährdete Hänge und werden bei Gefahr gesperrt. In einigen Regionen wurden früher Winterwanderwege auf den gelben Wegweisern mit Schneeflocken oder Schneemännchen hinter die Ortsangaben gekennzeichnet. Diese werden verschwinden. In naher Zukunft sollen die Markierungen der Winterwanderwege vereinheitlicht werden. Daran arbeiten derzeit die Schweizer Wanderwege im Auftrag des Bundesamtes für Strassen. Richtlinien dazu gibt es bereits, sie sind aber noch nicht offiziell. Viele Verantwortliche halten sich jedoch bereits daran. Im Gegensatz zu den Sommerwanderwegen sind jene im Winter nicht als Wegnetz konzipiert: Sie führen meist durch Skigebiete, verbinden Seilbahnen mit Hütten oder sind Rundwanderungen. Spontane Routenänderungen und eine individuelle Planung sind also weniger gut möglich. Weil wandern auf Schnee anstrengender ist - zum Beispiel bei Neuschnee oder Sulz -, braucht man dafür mehr Zeit. Die Marschzeitberechnung ist deshalb angepasst und die Wanderungen sind meist kurz.

Schilderwald im Schuppen

Besonderer Schilderwald: Hier lagern im Winter die gelben Wegweiser von Engelberg. Bild: Markus Ruff

Wie viel Aufwand für die Winterwanderer in Engelberg getrieben wird, veranschaulicht Patrik Emmenegger, als er den Besucher in einen unauffälligen Lagerschuppen neben der Werkhofhalle führt. Auf der ehemaligen Heubühne stehen unzählige Wegweiser, die aussehen, als wären sie etwas zu kurz geraten. Es ist ein ungewöhnlicher Stangenwald, die Zeiger, die sonst für Klarheit sorgen, stiften Verwirrung. «Im Spätherbst sammeln wir rund die Hälfte der gelben Sommerwegweiser ein und ersetzen sie wo nötig durch die pinkige Wintersignalisation », erklärt Emmenegger. Im April und Mai passiert das Gegenteil. Damit der halbjährliche Wechsel einfacher geht, kann vielerorts die obere Hälfte der Stange mitsamt sämtlichen Zeigern demontiert werden. «Wo keine Winterwanderwege durchführen, werden einige Wegweiser im Winter auch ersatzlos entfernt», sagt Emmenegger, während er die Türe wieder schliesst. Auch in Grächen ist das Tagewerk langsam getan. Paul Gruber hockt in der Wirtschaft und erzählt. «Der Wind ist der grösste Feind. Ihn mag ich nicht.» Denn er bläst den Schnee wieder auf den geräumten Weg zurück. Manchmal bis zu einem Meter hoch. «Wenn es stürmt, komme ich nach eineinhalb Stunden entlang der Binerisuone zurück ins Dorf und kann wieder von vorne beginnen.» Viel lieber hat Gruber, wenn es schneit, denn der frische Schnee lässt sich leicht räumen – und er verzaubert die Landschaft. «Das sind magische Momente», sagt er. Und nicht selten begegnet er der Gämse, dem Reh, dem Fuchs und Hasen. «Einmal stand ein riesiger Steinbock mit einem mächtigen weissen Kragen direkt vor mir. Er blieb einfach stehen. Ich beschloss, ihn zu umgehen - er liess sich nicht stören. Er wusste, dass ich sein Freund bin.»

Paul Gruber legt täglich viele Kilometer zu Fuss zurück und trifft ab und zu auf Steinböcke. Bilder: Rémy Kappeler und Paul Gruber