Fremde Heimaten

Aktuell am Kiosk: das Magazin WANDERN.CH! Ein Bolivianer, eine Russin, ein Äthiopier und eine Taiwanesin finden ihre Heimat in den Schweizer Bergen – im Val Bever, im Entlebuch, im Freiburgischen und im Tessin.

Schweizer Wanderwege

«Wenn ich durch das Val Bever wandere, erinnert mich fast alles an den Illimani», erzählt der Bolivianer Yussif Calderón unserem Autor Balz Rigendinger. Der Assistenzarzt, der vor über zehn Jahren in der Schweiz wieder bei null beginnen musste, hat seine Frau auf einer Tour auf den Berg nahe der bolivianischen Hauptstadt La Paz kennengelernt. Wenn ihn heute das Heimweh packt, zieht es ihn ins karge Tal im Engadin. Dort fühlt er sich seiner Heimat nahe. Ebenso wie Lena Vdovina Beck, die Russin, die sich in die Wälder der Marbachegg zurückzieht. Oder Mohamed Moussa, der sein Äthiopien im Freiburger Breccaschlund findet. Oder Pailing Tsai, die im Tessin ihrem Taiwan etwas näher ist. Sie erzählen uns, was Wandern aus ihrer Sicht bedeutet. Wandern als Hobby, aber auch als Privileg, als Luxus.

Rettete in Bolivien verunglückte Berggänger: Heute ist Yussif Calderón Assistenzarzt in Wattwil. Dafür musste er hart arbeiten. Bild: Raja Läubli

Karges Bolivien im Val Bever

Yussif Calderón hat in Bolivien Medizin studiert und zählte zu den beliebtesten Bergführern seines Landes. Er rettete Leben. Dann brachte ihn die Liebe in die Schweiz, wo er als Handlanger anfing und sich zum Arzt hocharbeitete. Wenn ihn heute das Heimweh packt, wandert er durchs Val Bever: Hier findet er sein Bolivien.

«Mein Name ist Yussif Calderón, ich wurde 1971 in der Hauptstadt von Bolivien geboren. La Paz liegt auf 3600 Metern über Meer. Ich bin Assistenzarzt im Spital Wattwil, Abteilung Chirurgie. Ich wohne mit meiner Schweizer Frau Alessandra in Winterthur, 439 Meter über Meer. Am Bahnhof Winterthur hat Alessandra heute Morgen ihren Höhenmeter kalibriert. Er zeigt jetzt 2128 Meter über Meer, das stimmt genau mit der Karte überein, wir sind auf Zembers da Suvretta im Val Bever. Dieser Berg dort: Alessandra hat gerade gesagt, er sehe aus wie der Illimani, wenn man ihn von hinten sieht. Und das stimmt. Es ist der Piz Grisch, 3098 Meter hoch. Der Illimani ist 6438 Meter hoch, es ist der zweithöchste Berg in Bolivien, man sieht ihn von La Paz aus. Der Illimani ist der Berg unserer Liebe und der Berg meiner Leidenschaft. Alessandra und ich haben uns dort kennengelernt. Am Illimani hat alles begonnen. Später haben wir dort geheiratet. Wenn ich hier durch das Val Bever wandere, dann erinnert mich fast alles an den Illimani. Diese braungrüne Vegetation, die Form der Berge, die Wege, es ist wie zu Hause.»

Yussif Calderón erzählt in gutem Deutsch. Er hat es mühsam erlernt. Jeden Dienstag ist Deutschkurs, er arbeitet noch daran, das Goethe-Zertifikat zu erreichen. Yussifs Geschichte handelt von Ausdauer, von Kraft und vom Weitergehen. Bolivien ist ein armes Land. Yussifs Vater arbeitete im Umweltministerium als Sekretär, heute hat er eine Rente von 250 Franken pro Monat, was knapp reicht. Mittelklasse, sagt Alessandra.

Äthiopiens Berge im Freiburgischen

Die Äthiopier gehen. Es ist ihr Alltag. Wandern ist für sie kein Hobby, sagt Mohamed Moussa. Bild: Elsbeth Flüeler

Die Berge, der Wasserfall, der Pass: Die Wanderung entlang des Freiburger Breccaschlunds erinnert Mohamed Moussa an seine Heimat Äthiopien. Und daran, wie er die Schule schwänzte und stattdessen mit seinen Freunden unter einem Wasserfall duschte.

«Die Leute staunen», sagt Mohamed Moussa, «wenn ein Schwarzer gut und modern ausgerüstet in den Bergen wandert. » «Was, ein Schwarzer, der wandert? », fragen sie. Mohamed wandert, so oft er kann. Er wandert allein und mit seiner Familie, über Land, in den Bergen oder quer durch die Stadt, vom einen Ende zum anderen. «Wenn ich nicht mehr wandern könnte, nicht mehr gehen ...», beginnt er den Satz und wagt nicht, ihn zu Ende zu sprechen.

Der 60-Jährige stammt aus einem Land, in dem das Gehen zum Alltag gehört. Vor 50 Jahren, als Mohamed noch in Äthiopien lebte, gab es keinen öffentlichen Verkehr. Die Leute hatten weder Velo noch Auto. Also gingen sie, meist barfuss. Sie gingen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Heute gibt es zwar Busse, Lastwagen und Flugzeuge. Und trotzdem sind die meisten Leute zu Fuss unterwegs. Wo es eine Strasse gibt, da gehen sie auf der Strasse. Und mit ihnen die Tiere: Kühe, Ziegen, Schafe, die Esel, welche die Lasten tragen, und ab und zu ein Hund. Nähert sich hupend ein Auto, so weicht Mensch und Tier etwas zur Seite. Wo die Strasse fehlt, da gehen sie über Land auf Wegen, die seit Generationen begangen werden, die weder markiert noch ausgeschildert sind. Die meisten tragen inzwischen auch Schuhe, leichte Plastik- oder Gummisandalen, was die globale Industrie eben auf den Markt wirft. Die Schuhe sollen vor Dornen schützen, die sich tief in den Fuss einbohren. Noch mehr als vor Dornen gilt es auf Schlangen Acht zu geben, welche die Menschen nicht hören, weil deren Schritt zu leicht und zu geschmeidig ist.

Sibirische Wälder im Entlebuch

Lena Vdovina Beck beim Pilzesammeln in den Wäldern des Entlebuch. Bild: Elsbeth Flüeler

Während ihre Familie die Schrattenflue erklimmt, sucht Lena Vdovina Beck ihre Heimat in den Wäldern der Marbachegg. Dort schweifen ihre Gedanken hin zu den endlosen Wäldern Sibiriens, die sie als Kind umfangen und beschützt haben, von denen sie ein Urvertrauen erhalten hat. Heute noch liebt es die Russin, Pilze und Beeren zu suchen.

Es ist nicht ein bestimmter Wald, sondern es sind die Wälder. Genauer gesagt sind es das Beeren- und Pilzesammeln in den Wäldern: «Das ist Heimat für mich», sagt Lena Vdovina Beck und schlägt einen Ausflug in die Wälder ob Marbach vor, am Fuss der Schrattenflue, da wo das Entlebuch schon bald ins Emmental übergeht und die grossen weissen Riesen des Berner Oberlands den Horizont zieren. Hier verbringt sie das Wochenende mit der Familie. Während ihr Mann Jörg mit den drei Kindern eine Wanderung hinauf auf den nahen Gipfel des Hängsts unternimmt, will sie die Wanderwege vorübergehend verlassen und in den Wald gehen. Sie steigt über das mit Placken überwachsene Strassenbord hinunter in den Wald, einen Fichtenwald, mit einem von Nadeln übersäten Boden. Bald darauf wird der Untergrund moosig. «Ganz ähnlich schauen die Wälder in Sibirien aus», sagt Lena. «Es sind Wälder mit Tannen und Birken. Nur ist es da flach, ganz flach.» Dafür gebe es Seen und Flüsse in den Wäldern, Heidelund Preiselbeeren, Pilze und Fische im Überfluss.

Lena Vdovina Beck, 38-jährig, dreifache Mutter mit einen Doktortitel in technischen Wissenschaften, fasst die entscheidenden Stationen ihres Lebens kurz und knapp zusammen: «Mit 21 hatte ich meinen Master, kam in die Schweiz und lernte meinen Mann kennen, mit 23 war ich das erste Mal Mutter und mit 27, das Doktordiplom im Sack, trat ich meine erste Stelle in einer Stromfirma an.» Heute lebt sie mit Jörg und ihren drei Kindern Jenia, Lukian und Vasilisa in Freiburg; am Familientisch wird Russisch, Schweizerdeutsch und Französisch gesprochen. Aufgewachsen ist Lena in der Wologda- Region, im Westen von Russland. Ihre Eltern waren Bauingenieure. Der Vater stammte aus Sibirien, die Mutter aus der Ukraine. «Meine Geschichte», sagt sie, «ist über Tausende von Kilometern verstreut.»

Und noch viel mehr...

«Beim Wandern hört das Geschwätz im Kopf auf.»

Der bekannte Bündner Schauspieler und Regisseur Andrea Zogg liebt es, hoch in den Bergen zu wandern. «Dem Himmel so nahe, bekommt das Leben eine ganz andere Dimension», sagt der ehemalige Tatortkommissar. Trotzdem wandert er für dieses Gipfelgespräch lieber durch die Viamala-Schlucht – auf den Spuren seiner Kindheit.

Verborgener Wasserfall

Der Naturpark Beverin will die Abwanderung aus den Tälern stoppen. Einer, der vor mehr als 100 Jahren das Land verliess, ist Christian Pitschen Melchior. Doch schon nach wenigen Jahren packte ihn das Heimweh, und er kehrte zurück. Ihm verdankt der Park eine seiner ganz grossen Attraktionen – die Roflaschlucht oberhalb Andeer.

Ein Stück Indien im Saanenland

Yoga lässt sich ganz gut mit Wandern verbinden, findet Sabine Kunz. Deshalb wandert die Berner Oberländer Yogalehrerin mit ihren Schülerinnen und Schülern am liebsten an den Louwenesee. Dort – und überhaupt im ganzen Saanenland – hat Yoga eine lange Tradition. Begründet wurde diese durch den bekannten Musiker Yehudi Menuhin.

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