Zwei, die sich fast mögen

Dass Hunde vermehrt Schafherden vor Wolf und Luchs bewachen, ist bei Wandernden breit akzeptiert – und sie passieren geschützte Weiden meist problemlos. Dies zeigt eine neue Studie. Nur jeder Fünfte fürchtet sich vor den Herdenschutzhunden.

Daniel Fleuti

Seit Wolf, Luchs und Bär in die Schweiz zurückgekehrt sind, kommen auf Schafund Ziegenalpen vermehrt Herdenschutzhunde zum Einsatz. Aktuell arbeiten in der Schweiz auf 100 Alpen etwa 200 ausgebildete Hunde, Tendenz steigend. Sie sorgen dafür, dass die Herde unversehrt bleibt – und sie meistern ihre Aufgabe gut. «Auf geschützte Herden gibt es wenige bis keine Übergriffe», sagt Felix Hahn, Leiter der Fachstelle Herdenschutzhunde des Bundes. Die Kehrseite der Medaille: Die grossen Hunde sind für Wanderer und Biker eine Herausforderung. Wollen sie eine geschützte Alp passieren, müssen sie sich richtig verhalten: Ruhig bleiben, dem Hund Zeit geben, sich zu beruhigen, die Herde umgehen, sich langsam fortbewegen, das Bike schieben und wenn möglich keinen eigenen Begleithund mitführen. So lauten die Grundsätze, die über Informationstafeln im Gelände, Flyer, Video und Cartoon kommuniziert werden.

Gebiete werden auf Karte erfasst

Wenn Wanderer sich richtig verhalten, lässt sie der Herdenschutzhund passieren. Bild: zvg

Bei häufig begangenen Alpen lenken die Verantwortlichen die Besucher mit Tafeln. Diese zeigen den Standort der Herde und führen wo möglich Alternativrouten auf. Auf der Website der Fachstelle Herdenschutzhunde sind alle geschützten Alpen abrufbar. Die Karte wird ab Sommer 2017 auch auf der Wanderplattform wandern.ch und auf map.geo.admin.ch sowie ab 2018 auf wanderland.ch zur Verfügung stehen. Schliesslich evaluieren die Schaf- und Hundehalter mindestens ein Mal pro Jahr mögliche Risiken und schauen, wie sich heikle Begegnungen vermeiden lassen. So soll eine Begegnung zwischen Mensch und Schutzhund für beide Seiten möglichst stressfrei verlaufen. Ob die Theorie in der Praxis funktioniert? Die Fachstelle Herdenschutzhunde und der Verband Schweizer Wanderwege wollten es wissen und liessen im Sommer 2016 gut 1700 Wanderer und Biker befragen, online und auf acht geschützten Alpen. Die Resultate der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigen: Vier von fünf Personen ist der Herdenschutz bekannt. Sie wissen, weshalb die Hunde da sind, und respektieren deren Arbeit. Die Alpwirtschaft hat für praktisch alle Befragten einen hohen Stellenwert, die Präsenz von Wolf, Bär und Luchs stösst bei drei Vierteln auf Zustimmung. Trotzdem gab jeder Fünfte an, Herdenschutzhunde würden ihn auf seiner Tour stören, weil sie Angst vor Hunden hätten. Etwa gleich viele fürchten, gebissen zu werden. Interessant ist die Frage nach weiteren beunruhigenden Begegnungen: Mutterkühe mit Kälbern, Hofhunde und nicht angeleinte Begleithunde werden als grössere Bedrohung wahrgenommen als Herdenschutzhunde. Kaum ins Gewicht fallen Rinder und angeleinte Hunde.

Hund und Wanderer verstehen sich

Was die Begegnung zwischen Schutzhund und Mensch anbelangt, so wissen die meisten, wie sie sich korrekt verhalten sollten. Zwei Drittel der Personen, die bereits geschützte Weiden gequert haben, bekundeten keine Probleme dabei und fühlten sich wohl. Zwischen 9 und 19 Prozent der Wanderer sah sich hingegen gezwungen, die Route zu ändern oder die Tour gar zu beenden. Die Hunde selbst reagierten laut den Befragten in der Regel kaum oder beruhigten sich schnell wieder. Bei jeder dritten Begegnung kamen sie nahe, in jedem zehnten Fall versperrten sie den Weg. Auf die Wahl der Tour scheinen die Schutzhunde kaum Einfluss zu haben: Nach der Begegnung gaben 90 Prozent an, künftig die Wanderung wieder zu unternehmen. Rund ein Drittel der Personen räumte ein, sich vorher nicht über die Präsenz einer geschützten Herde informiert zu haben – und versicherte, dies in Zukunft tun zu wollen.

Hundehalter gefordert

Sind sehr geschätzt: Besucherlenkungstafeln zeigen, wo geschützte Herden weiden. Bild: zvg

Fast alle Befragten empfinden die Hinweistafel mit den Verhaltensregeln beim Betreten der Weide denn auch als wichtigstes Instrument. Ein Drittel hat sie zuvor jedoch noch nie gesehen. Ebenfalls als sehr hilfreich eingestuft werden die Besucherlenkungstafeln am Ausgangspunkt der Tour. Die Piktogramme mit den Verhaltensregeln werden gut verstanden, und viele Wanderer schätzen es, wenn alternative Routen angegeben sind. Spannend auch: Das Wohlbefinden bei einer Begegnung mit Schutzhunden hängt massgeblich davon ab, ob diese liegen, stehen oder bellen. Trennt ein Zaun Weg und Weide, fühlt sich ein Drittel der Wanderer sicherer. Der Hinweis, den eigenen Hund zu Hause zu lassen, befolgen nicht alle: 17 Prozent der Wanderer sind in Regionen mit Schutzhunden trotzdem mit ihrem Liebling unterwegs. Und sie sind überzeugt, ihn jederzeit unter Kontrolle zu haben. Felix Hahn warnt aber: «Schutzhunde können andere Hunde als Gefahr für die Herde wahrnehmen und wollen sie fernhalten. Das Risiko eines Zwischenfalls ist erheblich.»

Auf dem richtigen Weg

Mit den Resultaten der Studie sind die Verantwortlichen zufrieden. «Wichtig ist es aber immer noch, vor Ort stets nach der besten Lösung zu suchen», erklärt Pietro Cattaneo von den Schweizer Wanderwegen. Die Weideplanung der Bauern soll mit Rücksicht auf die Wanderwege geschehen, die Wege sollen wenn möglich Weiden umgehen, und an schwierig zu passierenden Stellen sind Zäune sinnvoll. Informationstafeln müssen zudem frühzeitig vor Ort angebracht werden. «Wir werden dazu unsere Wanderwegverantwortlichen in den Kantonen mit Wissen und Beratungen unterstützen», erklärt Cattaneo. Und auch für Wanderer, die noch unsicher sind, gibt es eine Lösung: Herdenschutz Schweiz und Pro Natura organisieren im Sommer 2017 vier Exkursionen zum Thema Herdenschutzhund.

Weitere Informationen

www.wandern.ch/herdenschutz
www.herdenschutzschweiz.ch
www.pronatura.ch/veranstaltungen

Text aus dem Magazin WANDERN.CH 3/2017

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