Imponiergehabe eines Leichtgewichts

Sie lärmen, als ginge es um ihr Leben: Schon von Weitem hörten Wandernde das Feierabendkonzert der Laubfrösche im freiburgischen Auried bei Laupen – ein sicheres Zeichen, dass der Frühling da ist. Doch den Fröschen geht es nicht um ihr Leben, sondern ums Überleben ihrer Art. Zu Besuch beim grasgrünen Schönling.

Rémy Kappeler

Der Tag verabschiedet sich im Auried. Erst rufen nur wenige Männchen, bald erschallen sie im ohrenbetäubenden Chor.

Er ist vier Zentimeter klein, keine zehn Gramm schwer, aber laut wie ein Presslufthammer. Einen halben Meter vom Steg entfernt sitzt der grasgrüne Laubfrosch im Wasser und rührt sich nicht von der Stelle. Würde er nicht immer und immer wieder sein bis zu 90 Dezibel lautes «Äpp-äpp-äpp» in die Dunkelheit schmettern, kein Mensch würde auf ihn aufmerksam. Doch jetzt sucht der Schein der Taschenlampe nach ihm, streift durch das Gewimmel von Schlamm, Algen, Halmen und sonstigen Wasserpflanzen, bis er den Winzling aufgespürt hat. Dessen Stakkato verstummt – aber nur kurz. Dann lässt sich der Laubfrosch nicht weiter aus der Ruhe bringen, zu wichtig ist seine Mission, schliesslich ist er auf Partnersuche. Also bläst er weiter Luft in seine Schallblase, die seine Stimme um ein Vielfaches verstärkt. Die Blase an seiner Kehle ist fast so gross wie sein Rumpf – beide werden abwechslungsweise erschüttert, wenn er Luft in die Blase hineinpresst. Das Froschmännchen weiss: Je lauter es ruft, desto attraktiver wirkt es auf die Weibchen.

Allabendliches Froschkonzert

Die Frösche und Molche werden nach dem Beobachten wieder dort ausgesetzt, wo sie gefangen worden sind.

Der Laubfrosch ist im Auried bei Laupen zu Hause – zusammen mit seinen bis zu 300 Artgenossen gibt er in  den Monaten April bis Juni ab circa 21 Uhr ein Konzert, wie es nur an wenigen Orten in der Schweiz zu hören ist. Liegen die Temperaturen über zwölf Grad, steigt der Schallpegel mit fortschreitender Dunkelheit an und verliert sich erst nach Mitternacht. Das Auried ist ein Höhepunkt einer Feierabendwanderung nach Laupen. Sie führt erst entlang den lauschigen Ufern des Schiffenensees, wo es im Frühling nur so kreucht und fleucht, dann weiter der Saane folgend in ein Auengebiet, wo der Mensch nur Zaungast ist. Dass dies so bleibt und das Verständnis für dieses Naturjuwel geweckt wird, dafür sorgt unter anderem Mazzal Stokvis. Die Geografin ist eine der freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Pro Natura Freiburg, die an Freitagund Samstagabenden jeweils vor Ort sind und Fragen beantworten. «Unter unserer Aufsicht ist es erlaubt, die Tiere zu fangen und in einem Becken zu beobachten. Wichtig ist dabei, die Tiere wieder am selben Ort auszusetzen, wo man sie gefangen hat», erklärt Mazzal Stokvis. Amphibien fühlen sich in ihren Heimatgewässern am wohlsten, und damit trägt der Mensch dazu bei, dass sich keine Krankheiten ausbreiten. «Wichtig ist auch, dass man die Frösche nur mit feuchten Händen fängt, um ihre Haut nicht zu verletzen.» An diesem Abend ist mit der Dämmerung eine Handvoll Kinder erschienen. Sie ziehen los, ausgerüstet mit Stirnlampe, Netz und Gefässen, und suchen nach Fröschen, Kröten und Molchen. Da Amphibien eher ein heimliches Leben führen, müssen die Kinder behutsam und geduldig vorgehen. Mazzal Stokvis gibt ihnen Tipps: «Am einfachsten ist es, wenn man sich ans Ufer setzt und einige Minuten auf dieselbe Stelle schaut. Bald beginnt sich etwas zu regen. Nun müsst ihr nur noch genug schnell sein», sagt sie mit einem Lächeln. Und sie sind schnell genug. Es geht nicht lange, und die erste Kröte landet in der Schale. Dann folgt ein Laubfrosch, ein Wasserfrosch und schliesslich ein Kammmolch mit seinem markanten gelben, mit schwarzen Punkten versehenen Bauch.

Gefährdetes Auried

Ein Kammmolch.

Der Laubfrosch fühlt sich wohl in der ausgedienten Kiesgrube Auried und deren Umgebung – und mit ihm sieben weitere Amphibien- und 190 verschiedene Vogelarten sowie Reptilien. Doch leider werden ausgedehnte Feuchtgebiete immer seltener und kleiner. Auch das Auried war einst eine grosse, intakte Auenlandschaft. Die Saane schlängelte sich meist ruhig durch das Tal. Jeden Frühling sorgte sie für gewaltige Hochwasser. Diese entwurzelten Bäume, trugen ganze Kiesinseln ab und liessen sie weiter unten wieder entstehen. Sie überschwemmten Auenwälder, und neue Seitenarme bildeten sich. Es entstand ein Mosaik verschiedenartigster Lebensräume. Doch 1964 ereignete sich für die hiesigen Tiere eine Katastrophe: Der Schiffenensee wurde gestaut und damit die natürliche Dynamik unterbrochen. Unterhalb der Mauer wurde die Saane zudem tiefer in den Molassefelsen gegraben, um mehr Höhe für die Stromgewinnung zu erhalten. Das Restwasser überflutete die Auen nicht mehr, es blieben nur noch kleinflächige, isolierte Naturräume übrig. 20 Kilometer Auenlandschaft wurden zu Äckern und Bauland, Frosch und Molch wurden bis auf die zwei heute noch erhaltenen Biotope bei Auried und gleich unterhalb der Staumauer zurückgedrängt. So wie hier geschah es schweizweit mit zahlreichen Wasserläufen, bis der Bund 1992 die verbliebenen Auenlandschaften unter Schutz stellte. Pro Natura konnte das Auried schon früher, nämlich 1981, mit dem Geld des Schoggitalerverkaufs erwerben. Heute sind die 15 Hektaren ein Naturschutz- und Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung.

Der Bagger hilft nach

Auch tagsüber ist das Auried idyllisch. Die Frösche passen farblich gut in die Umgebung.

Flussauen regulieren sich selbst, Ersatzlebensräume wie stillgelegte Kiesgruben nicht. Trockenheisse Sandbänke, lehmige Tümpel, Röhrichtbestände, kühle Altwasser und undurchdringliche Weidengebüsche verschwinden nach dem Stilllegen der Kiesgrube schnell. Im Auried muss deshalb der Mensch eingreifen: Freiwillige von Pro Natura Freiburg mähen und schneiden Büsche, Hochlandrinder grasen. Ein Bagger imitiert die Kraft des Wassers, das immer wieder neue Gewässer anlegt und grössere vegetationslose Flächen herrichtet. Dann kann sich wieder die sogenannte Pionierflora ansiedeln, jene Pflanzen also, die als erste die noch nackten Flächen besiedeln. Ohne Überschwemmungen wird diese von kraut- und holzartigen Pflanzen verdrängt, der Lebensraum des Laubfroschs verschwindet. Und damit das Tier: Der Laubfrosch ist in ganz Europa vom Aussterben bedroht.

Kletterfrosch – Wetterfrosch

Bild: Emanuel Egger

Die Frösche und ihre Artgenossen sind nicht nur in der Nacht unterwegs. Wer tagsüber den Tümpeln im Auried entlangläuft, kann beobachten, wie die Frösche reihenweise am Ufer sitzen und wegspringen und -schwimmen, sobald man sich ihnen zu sehr nähert. Oder man erhascht einen kurzen Blick auf eine fliehende Ringelnatter. Den Laubfrosch allerdings muss man nicht im Wasser suchen, sondern an sonnenexponierten Sitzwarten auf Blütenstauden und Gehölz, zum Beispiel auf Brombeersträuchern mit ihren grossen Blättern. Der Laubfrosch ist die einzige mitteleuropäische Froschart, die klettern kann. Haftscheiben an den Zehen helfen ihm dabei, wenn er seiner Beute nachstellt. Das tut er bei sonnigem Wetter, weil dann auch die Insekten höher fliegen. Um sie zu fangen, hangelt er sich auch mal kopfüber durchs Geäst, springt zielsicher oder rennt schnell. Seine Gewohnheit, bei warmem Wetter zu klettern, verhalf dem Laubfrosch auch zu seinem zweischneidigen Ruhm als Wetterfrosch. Viel zu oft landete der hübsche Grüne in grossen Einmachgläsern von Kindern, weil man ihm nachsagte, das Wetter voraussagen zu können. Die Leiter seines Gefängnisses erstieg er aber bei Sonnenschein nur in Not, weil er nur oben genügend Sauerstoff bekam, während dies bei schlechtem Wetter nicht nötig war. Viele der Laubfrösche verendeten früher oder später in den Einmachgläsern.

Mission erfüllt – es wird wieder ruhig

Im Auried geht es gegen Mitternacht zu. Das Froschkonzert lässt nach. Einige Männchen sind bereits verstummt – sie haben ein paarungsbereites Weibchen anlocken und bespringen können. Sie klammern sich auf dem Rücken fest und besamen die walnussgrossen Laichballen mit bis zu 100 Eiern, sobald sie das Weibchen legt. Nach einigen Tagen schlüpfen goldgrün glänzende Kaulquappen, die während der nächsten zwei bis drei Monate zu erwachsenen Tieren heranwachsen. Dann ist die Mission der Männchen fürs Erste erfüllt. Sie haben viel dafür gegeben: Ihr Rufen raubt Energie, sie verlieren während der Fortpflanzungszeit etwa 13 Prozent des Körpergewichts. Sie ziehen sich zurück, bleiben aber weiterhin in Balzstimmung und werden sich in diesem Frühling noch mit anderen Weibchen paaren. Zeit also, sich zu erholen – bald kehrt Ruhe ein im Auried.

Weitere Informationen

www.pronatura-fr.ch/auried-119